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Liste.png J. P. Jordan: Jahrbücher für slawische Literatur, Kunst und Wissenschaft. Erster Jahrgang

und gehässigen Bemühungen, die Slawen zu magyarisiren. Dass übrigens der Bauer in seiner gegenwärtigen Lage keinen Antheil an der politischen Aufregung des Landes nimmt und eben so wenig, wie der Bürger, als Dränger eine drohende Stellung behauptet, ist gewiss.

 Der niedere Adel (die sogenannten Bocskoros) steht intellectuell mit dem Bauer auf gleicher Stufe. Ja die Adelsprivilegien, welche diese Bundschuharistokratie geniesst, machte sie für die Gesittung eben so schwer zugänglich, als sie andrerseits dieselbe sittlich verderblichen Einflüssen bei den Restaurationen aussetzen. So wie sie dermalen sind, können wir in den Bocskoros nur ein blindes Werkzeug erblicken, welches von den Parteien nach Belieben gebraucht und gemissbraucht wird. Innerhalb der Adelsklasse constituiren sie gleichsam das demokratische Princip auf seiner niedersten Stufe der Ausbildung, wo es als Ochlokratie auftritt. Dieser zahlreiche, ungebildete und sehr arme Theil des Adels ist noch ganz in seine alten Vorurtheile und Gewohnheiten eingelebt, stolz auf seine Privilegien, zu unwissend und zu arm, als dass er irgend einen selbstständigen Antheil nehmen könnte an den politischen Vorgängen; wohl aber könnte er durch seine Anzahl unter gewissen Umständen ein gefährliches Instrument in den Händen der Parteien werden. In dem Masse, in dem er früher eine Stütze der Aristokratie war, in dem Masse ist er nun ein Hinderniss der Reform der Constitution. Welches Loos ihm in den politischen Umgestaltungen des Vaterlandes vorbehalten sei, dürfte schwer sein, schon jetzt zu bestimmen; wir wollen der Geschichte mit unserm Urtheil nicht vorgreifen: nur das sagen wir, dass die nöthig gewordnen Reformen in unserm Vaterlande von der fortschreitenden Bildung der Bocskoros abhängig machen, wie es Dr. Hanszlmann thut, uns so viel heisst, dieselben auf Jahrhunderte hinaus, wenn nicht gar ad calendas Graecas vertagen.

 Der hohe Adel, mächtig durch Reichthum und politischen Einfluss, gestaltet sich in mancher Beziehung ganz zur Oligarchie. Der jüngere Theil desselben nimmt lebhaften Antheil an den politischen Discussionen und vaterländischen Interessen, nur ist dieser Antheil bei den Meisten nicht ernster zu nehmen als eine noble Passion, eine Modesache; denn zu wenig gründlich unterrichtet (wo das Schulwesen in einem Lande daniederliegt, macht sich die Wirkung davon bei der Erziehung der höhern wie der niedern Stände fühlbar), zu sehr dem Lebensgenuss hingegeben, sind sie einer ernsten, anhaltenden, mit Arbeit und Mühe verbundenen Thätigkeit kaum fähig. Verhältnissmässig besitzt der hohe Adel gewiss die grösste Anzahl von Männern mit wahrhaft liberaler Gesinnung, fühlt sich aber durch das willkührliche Zutappen des mittleren Adels, den die ultra-liberale Partei dominirt, in seinen wesentlichsten Interessen bedroht und ist daher entweder rein conservativ oder für einen besonnenen, gemässigten Fortschritt gestimmt. Die liberale Opposition in der Magnatentafel musste in dem Masse, als sich diese in den Comitaten und in der Ständetafel bestimmter heranbildete, schwächer und unbedeutender werden. Sowohl der hohe Adel als der Klerus sind schon guten Theils auf die Defensive gegen die Bestrebungen des mittleren oder sogenannten Comitatsadels gewiesen, und beide dürften, wenn zu schwach, dem Andrang dieses rührigsten Theils des Adels zu widerstehen, gezwungen werden, Schutz und Zuflucht bei der Regierung zu suchen. Die Besitzenden dürften bald die Erfahrung machen, dass es besser ist, von einer kräftigen Regierung als von den Vielen, die Neid, Chikane und andre niedrige Gelüste zu feindseligen Bestrebungen treiben, abzuhängen.

 Den mittleren oder sogenannten Comitatsadel haben wir den politisch rührigsten Theil des Adels genannt. Der Grund seiner Rührigkeit ist kein abstrakt liberaler, wenn er auch die Fahne des Liberalismus schwenkt und sein Vorkämpfer zu sein vorgiebt. Im Besitz der ausübenden Gewalt durch die Besetzung der Comitatsämter hat er das Interesse, seinen amtlichen Einfluss zu vergrössern und die grossen Grundbesitzer des hohen Adels und des Klerus von sich

Empfohlene Zitierweise:
J. P. Jordan: Jahrbücher für slawische Literatur, Kunst und Wissenschaft. Erster Jahrgang. Robert Binder, Leipzig 1843, Seite 175. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Jahrb%C3%BCcher_f%C3%BCr_slawische_Literatur,_Kunst_und_Wissenschaft_1_(1843).pdf/186&oldid=- (Version vom 3.11.2018)