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Liste.png J. P. Jordan: Jahrbücher für slawische Literatur, Kunst und Wissenschaft. Erster Jahrgang

Gräuelthaten und die deutsche Zwingherrschaft im Gedächtniss zu erneuern vermag. Es ist lächerlich, den Namen Illyrier darum verhasst zu finden, weil Napoleon ihn erneuert hat. Wahrhaftig, als wäre der Verfasser ein Deutschthümler aus der Zeit der schwarzen Sammetbarette, wo alles Französische als anrüchig galt. Die Slawen verdanken Napoleon mehr als sie bis jetzt zuzugestehen für gut gefunden haben; ich erwähne nur in Russland den Sieg des russisch-slawischen Elementes über das mit Macht hereingedrungene Ausländerthum. Die Südslawen sind von Napoleon keineswegs „in den Staub gebeugt, noch mit höhnendem (!) Fusse in den Koth getreten worden“; dies ist eine historische Unwahrheit. Im Gegentheil, mehrere der südslawischen Länder sind erst durch Napoleon von der gräulichen Despotie der Venetianer befreit und unter das milde Scepter Oesterreichs gebracht worden. Nur ein vergleichender Blick auf die Jämmerlichkeit der Bildungszustände jener Länder unter der venetianischen Tyrannei und ihr Aufblühen unter Oesterreich in der Gegenwart zeigt, wie sehr diese Südslawen Napoleon für diesen Herrschaftswechsel dankbar sein sollten.

 In der jüngsten Gegenwart haben sich die Verhältnisse wesentlich verändert. Man hat von Oben den Namen Illyrien verboten; Gaj’s Illyrische Nationalzeitung erscheint nur noch als Nationalzeitung. Es scheint, als ob das Magyarenthum, in dem Illyrenthume einen kräftig erstehenden Gegner gewahrend, und ihn um so giftiger hassend und niederzuschmettern trachtend, eine Art Sieg erfochten habe. Das illyrische Volksthum hat aber dadurch noch nicht an Kraft verloren, dies zeigt die Stiftung der Matica vor einigen Monaten. Ob diese Unterdrückung des Namens Illyrier von Seiten Oesterreichs im Hinblick auf den Auflösungsprocess der europäischen Türkei politisch zu nennen sei, bleibe hier unerörtert; ein grosser Irrthum aber ist es, wenn die Magyaren sich grossen Sympathien in einigen türkischen Provinzen versichert halten und solche als ehedem zu Ungarn gehörig reclamiren. Die Slawen in der Türkei wissen die Vortheile genugsam zu würdigen, welche ihnen durch eine Vereinigung mit dem Lande, wo die Magyaren hausen, zu Theil würden.

 Auch Serbien ist in eine neue Phase seiner politischen Entwickelung und Gestaltung eingetreten. Serbien, durch seine Lage ohne Zweifel das wichtigste Land der Süddonauländer, hätte eine nähere Betrachtung vor Allem verdient. Der Verfasser unserer Broschüre, obwohl dem Serben wohlgesinnt, hat nichts wesentlich Neues beigebracht. Eine kurze Literaturnotiz und Zahlangabe ist alles. Es war vor einem oder zwei Jahren die Wichtigkeit Serbiens noch keineswegs in Europa so klar erkannt, wie dies nach der neuesten serbischen Umwälzung der Fall ist. Die Unbekanntschaft ist gleichwohl noch augenfällig, da sogar gegenwärtig noch französische wie deutsche Journale die Urheberschaft des letzten Aufstandes dem mittelbaren Einflusse Russlands zuzuschreiben unwissend genug sind.

 Den Bulgaren ist die nächste Abtheilung gewidmet. Ein geschichtlicher und geographischer Ueberblick leitet den Artikel ein, dem eine Uebersicht der altbulgarischen Literatur episodenartig und wie uns scheint, den Zweck des vorliegenden Buches nicht eben fördernd eingewebt ist. Ueber die Bulgarei und die sogar in dieser terra incognita des slawischen Ländergebietes sich entwickelnden Keime einer bessern Zukunft ist bei dem Mangel an Nachrichten nur wenig beigebracht worden. Blanqui, Ami Boué und Robert (zwei längere, viel Neues bietende Artikel in der Revue des deux mondes) sind noch nicht benutzt worden. Die Franzosen haben bei der Würdigung der Bedeutung Bulgariens vor allen andern europäischen Nationen politischen Blick gezeigt, wie das Etablissement eines französischen Consuls in Bulgarien zeigt.

Die Russen beschliessen die erste Hauptabtheilung, welche die slawischen Völkerschaften in ihrer nationalen Eigenthümlichkeit zu zeichnen sich vorgesetzt hatte. — Die Russen werden nach ihrer Zusammensetzung in Kleinrussen, Weissrussen und Grossrussen mit der Unterabtheilung der Nowgoroder besprochen. Die Kleinrussen, 13 Millionen zählend, haben weder in politischer noch literarischer

Empfohlene Zitierweise:
J. P. Jordan: Jahrbücher für slawische Literatur, Kunst und Wissenschaft. Erster Jahrgang. Robert Binder, Leipzig 1843, Seite 185. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Jahrb%C3%BCcher_f%C3%BCr_slawische_Literatur,_Kunst_und_Wissenschaft_1_(1843).pdf/196&oldid=- (Version vom 2.12.2018)