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Liste.png J. P. Jordan: Jahrbücher für slawische Literatur, Kunst und Wissenschaft. Erster Jahrgang

Wirren zwischen den verschiedenen Nationalitäten des osmanischen Reiches ist in der vorliegenden Schrift noch keine Rede; es sind in ihr vielmehr blos die serbischen Verhältnisse und ihre Zukunft Gegenstand der Erörterung. Seit der vorjährigen Umwälzung hat sich manches verändert: Serbien ist ein Spiel ausländischer Politik geworden und hierdurch um ein Vierleijahrhundert in seiner Entwickelung zurückgekommen. Im Allgemeinen kann man nicht umhin, die wie es scheint aus guter Quelle gezogenenen Nachrichten über Serbiens Entwickelung, sowie die Ansichten des Verfassers über die Bedeutung Serbiens, zumal für die Zukunft, als richtig anzuerkennen.

 Der lange Abschnitt über Oesterreich ist ohne Zweifel der inhaltreichste des ganzen Buches. Der Verfasser kommt hier endlich zu der Entwickelung der Idee, welche ihm dieses Buch dictirt hat: Oesterreich soll sich an die Spitze der Westslawen stellen und die westslawische Nationalität stärkend und kräftigend sich selbst ein mächtiges Bollwerk gegen den übermächtigen Osten schaffen. Welcher Westslawe wird diese Idee nicht ganz vortrefflich finden, welcher Westslawe wird aber zutrauungsvoll der Hoffnung sich hingeben, dass diese schon von mehrern Seiten Oesterreich empfohlene Politik wirklich von diesem angenommen werden dürfte. Wer da weiss, dass gegenwärtig noch ganz andere als nationelle Principien die Welt regieren, wird niemals einem solchen Glauben huldigen. In der serbischen Frage z. B. wird man dem Legitimitätsprincipe huldigen und Oesterreich wird den letzten Schatten seines Einflusses auf die unteren Donauprovinzen dahin schwinden sehen.

 Die Vorschläge des Verfassers, welche die Kräftigung und Erhebung des Westslawenthums bezwecken, sind mehrentheils gemässigt und von den dringendsten Bedürfnissen geboten.

 Die Betrachtung des Slawenthums in Preussen schliesst diese zweite Hauptabtheilung. Preussische Slawen, etwa 3 Millionen an der Zahl, wohnen in Posen, Schlesien und Preussen. Man darf nicht bergen, dass kein Staat mit solcher Energie an der Entnationalisirung der Slawen gearbeitet hat als der preussische bis auf die Regierungszeit des jetzigen Königs herab. Die Instructionen für die Volkslehrer drangen auf schnelle Einführung des Deutschen; die Schullehrer selbst setzten diese Anordnungen mit Härte und Barbarei ins Werk. Gleichwohl hat man das Slawenthum nicht auszurotten vermocht. Die posener Polen gingen sogar sieggekrönt aus dem Kampfe für ihr gutes Recht hervor. Nur den Schlesiern und den Masuren verweigert man immer noch ihr natürliches Recht. In Oberschlesien, wie unter den Masuren sind bereits muthige Vertheidiger der polnischen Nationalität aufgetreten, so dass man hoffen darf, ihnen werde gleich den Posenern mit der Zeit trotz alles Geschreis einzelner polnischer Renegaten, welche in Deutschland ihr Wesen treiben und die Nationalität ihrer Ahnen verlästern, ihr unveräusserliches Recht gegeben werden. Der Verfasser unseres Buches bringt interessante Data über die Plänkeleien, welche in Oberschlesien und im Masurenlande bereits bemerkt werden und die einen baldigen offenen Kampf vorauszusetzen scheinen.

 Ein Aufsatz: „der Panslawismus“, schliesst das Werkchen; er fasst die slawischen Völkerschaften als einen einzigen Volksstamm auf, losgelöst von allen Beziehungen, in welche ihn die Geschichte zerrissen, frei von allen Einzelinteressen. Panslawismus ist demnach eine geistige Verbindung unter allen slawischen Völkerschaften, vermöge deren sie sich als Glieder einer einzigen grossen Familie fühlen; bestimmt, einander in jedem Emporringen nach Vollkommenheit und innerer Selbstentwickelung zu unterstützen, dabei aber die gemeinsame Nationalität, den gleichen Endzweck, den gleichen Beruf in der Welt nie aus den Augen zu verlieren. Dies ist allerdings Kollars Idee, welche auch von den Czecho-Slowenen und Illyriern adoptirt worden ist und allein dem slawischen Volke in seiner geistigen Entwickelung von Vortheil sein kann. Diese Idee Kollars ist eine der grössten Ideen, welche je die Welt erdacht. Leider ist dieselbe von mehrern

Empfohlene Zitierweise:
J. P. Jordan: Jahrbücher für slawische Literatur, Kunst und Wissenschaft. Erster Jahrgang. Robert Binder, Leipzig 1843, Seite 188. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Jahrb%C3%BCcher_f%C3%BCr_slawische_Literatur,_Kunst_und_Wissenschaft_1_(1843).pdf/199&oldid=- (Version vom 26.3.2019)