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Liste.png J. P. Jordan: Jahrbücher für slawische Literatur, Kunst und Wissenschaft. Erster Jahrgang

Seiten missverstanden worden. Die Ausländer, zumal die Deutschen, sahen hierin einen allgemeinen Aufstand des Slawenthums unter der Aegide Russlands gegen alles Germanenthum. Die politische Einfalt, welche in irgend einem unwissenden Kopfe eine solche Idee gebahr, verdiente keine Belehrung, obwohl der Verfasser des vorliegenden Buches solche zum Ueberflusse gegeben hat. Die Polen dagegen, vorzüglich die der Emigration, sprechen immer häufiger und lauter von Panslawismus und dass Polen berufen sei zur Hegemonie unter den slawischen Völkern. Schon dieser Gedanke an Hegemonie, der übrigens im Munde eines Polen etwas komisch klingt, zeigt zur Gnüge, dass diese Polen auch nicht die leiseste Idee von dem haben, was eigentlich Panslawismus ist und sein will. Auf der andern Seite giebt es wieder einige allzusanguinische Ostslawen, welche alles westslawische Land als ihre natürliche Provinz betrachten; fand es doch schon Puschkin natürlich, dass die slawischen Bächlein in dem russischen Strome mündeten und nicht umgekehrt.

 Diese Ansicht vom Panslawismus scheint dem Verfasser gefährlich. Er meint, das Westslawenthum sei allzuschwach gegenüber dem Ostslawenthum; die numerische Uebermacht des Ostens zum Westen verhielte sich wie 4:1, eine feurige Umarmung des Westslawenthums würde die Vernichtung des gesammten Westslawenthums herbeiführen und nicht blos dieses, sondern auch Deutschlands. Darum sei eine Allianz, ein Schutz- und Trutzbündniss des Westslawenthums mit dem Germanenthum zu beider Heile dringend zu wünschen.

 Der Schluss fordert in hochpoetischer Sprache die Deutschen auf, mit den Westslawen gemeinschaftliche Sache gegen die Ostslawen zu machen. Die Idee wird am Ende nicht so verwerflich, allein wie kann sie irgend praktischen Erfolg hoffen. Wer sind die Deutschen, welche sich an die Westslawen anschliessen sollen? Der deutsche Bund? Jeder, der dessen Thätigkeit kennt, bezweifelt dies. Die einzelnen deutschen Mächte, etwa Preussen? Dessen Politik ist bekannt. Die kleinen deutschen Mächte? Deren Macht kann nicht aufwiegen. Oder die freie deutsche Presse? Wer in Deutschland lebt, kennt die gegenwärtige Natur und Macht derselben. So ist es allein Oesterreich, dem diese Ermahnung gelten kann. Oesterreich allein ist mächtig genug, um eine eigene, durchgreifende Politik zu verfolgen. Oesterreichs Existenz zunächst ist bei der Lösung der in diesem Buche besprochenen Fragen betheiliget.

 Die Zeit allein wird diese hochwichtigen Fragen lösen!

 Unser Gesammturtheil über das vorliegende Buch ist dieses: Es zeigt dasselbe eine genaue Kenntniss der westslawischen Zustände, ist mit mehr Gemüth als Berechnung geschrieben, hat für Deutschland eine neue Seite des Slawenthums aufgedeckt und verdient unter vielen andern politischen Schriften der Gegenwart eine ganz besondere Aufmerksamkeit.

 b) Slawen, Russen, Germanen. Ihre gegenseitigen Verhältnisse in der Gegenwart und Zukunft. Leipzig, Wilh. Engelmann. 1843.

 Seit einiger Zeit begann die deutsche Presse sich viel mit der slawischen Sache zu beschäftigen, ja man kann sagen, dass der literarische Process der slawischen Existenz beinahe ausschliesslich in Deutschland durchgeführt wird. — Und ziemlich passend ist der Ort zu einer solchen Verhandlung gewählt, denn die Slawen, welche erst seit nicht gar langer Zeit sich zu heben begannen, geniessen unter keiner der Regierungen, denen sie unterliegen, so viel Freiheit, dass sie das sie Angehende frei besprechen dürften.

 Die Petersburger Literatur ist zwar sehr ergiebig, da sie aber unter dem Einflusse der Cabinetspolitik steht, deren Tendenz von der Einheit eines slawischen Reiches allzubekannt ist (?), so kommt sie verdächtig vor; — in Polen steht die Literatur unter dem Joche der grausamsten Censur, und ein Theil der polnischen Nation, welcher in Frankreich der vollsten Pressfreiheit geniesst, hat andere

Empfohlene Zitierweise:
J. P. Jordan: Jahrbücher für slawische Literatur, Kunst und Wissenschaft. Erster Jahrgang. Robert Binder, Leipzig 1843, Seite 189. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Jahrb%C3%BCcher_f%C3%BCr_slawische_Literatur,_Kunst_und_Wissenschaft_1_(1843).pdf/200&oldid=- (Version vom 21.11.2019)