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Liste.png J. P. Jordan: Jahrbücher für slawische Literatur, Kunst und Wissenschaft. Erster Jahrgang

waren zwar ehemals Nachbarn der Slawen, als diese noch an der untern Donau und dem adriatischen Meere sassen. Allein bereits im IV. Jahrhunderte vor Chr. wurden diese von den Kelten nach Norden und hinter die Karpathen gedrängt und somit aus aller Verbindung mit den thrakischen Völkerschaften gerissen. In späteren Jahrhunderten erst kamen sie wieder mit ihnen zusammen, wie mit den Daken oder Geten, so wie den Agathyrsen. §. 21. Aus der bisher gegebenen Uebersicht erhellet nun zur Genüge, einestheils: „dass während des ganzen Zeitraumes von der Mitte des V. Jahrhundertes vor Chr. bis zur Mitte des V. Jahrhundertes nach Chr. im Nordosten von Europa kein anderer grosser Volksstamm gesessen haben konnte, als: die Skythen, Finnen, Sarmaten, Kelten, Germanen, Lithauer, Thraken und Slawen,“ und dass wir anderntheils „entschlossen die Behauptung aufstellen können: dass der ganze Landstrich diesseits der Karpathen bis zur untern Donau und Sawe, dann jenseits der Karpathen von der Scheide der Oder und Weichsel nach Norden hinauf bis zum Ilmensee, und nach Osten bis zum obern Don, in der angegebenen Periode von keinem andern europäischen Volksstamme eigentlich und dauernd besetzt gewesen sein konnte, als einzig von den Winiden oder Slawen“ — und „dass somit dieser Landstrich für die europäische Urheimath der Slawen angenommen werden darf.“

 4. Abschnitt. Geographischer Ueberblick der slawischen Urheimath. §. 22. Neben den schriftlichen Beweisquellen für das hohe Alterthum der Slawen in dem von uns bezeichneten Gebiete gibt es noch eine Reihe geographischer Dokumente für dasselbe, welche die früher ausgesprochenen Wahrheiten nur noch erhärten. So ist der Gebirgsname der Karpathen sicher aus dem Slawischen Chrb (Berg) entstanden. Von den Flüssen sind die in den ältesten Quellen vorkommenden Wisla, Piena, Berestina, Czerna, Brzawa, Bystrica, Polisi und Hron, so wie der See Pleso ohne allen Zweifel rein slawische Namen, während der Rudon, Tyras, Dunaj (Donau) allen europäischen Sprachen gemeinsam angehören, sich aber am natürlichsten noch aus dem Slawischen ableiten lassen. In Hinsicht der Städte wird zwar die Behauptung des Jornandes, als hätten die Slawen gar keine Städte gebaut, mit genügenden Gründen zurückgewiesen, dennoch aber aus den Schriften der Allen nur die Namen Azagarium-Zagorije, Sarbakum, Serbinum, Serbetium-Srbec, Pessium-Pest, Patiskon-Potisje, Bersowia-Berzawa, Tsierna-Czerna für zweifellos slawisch erklärt, über deren geringe Anzahl man sich aber nicht wundern dürfe, da den Römern und Griechen die innere Heimath der Slawen überhaupt weniger bekannt gewesen sei. Ausserdem giebt es aber auf der Oberfläche der Erde und zunächst unter derselben allerlei Dinge, welche beweisen, dass hier einst ein grosses Volk gewohnt habe; wie die vielen Grabhügel von grossen Männern, Erdwälle, Schanzen und dergleichen mehr, welche sich in der slawischen Urheimath sehr zahlreich vorfinden, aber bisher noch fast gar nicht untersucht und erforscht sind. Erst in der Neuzeit haben sich einzelne tüchtige Gelehrte daran gemacht, wie Chodakowski, Köppen, Kucharski, Strojew; aber ihre Arbeiten sind noch wenig veröffentlicht, so dass die slawische Archäologie bis auf diesen Augenblick noch sehr darnieder liegt.

 5. Abschnitt. Recapitulation und Schlussbetrachtungen. §. 23. Nachdem der Verfasser noch ein Mal die gesammten Nachrichten kurz zusammengestellt hat, welche uns in den Schriften der Alten über die erste Periode des slawischen Alterthums hinterblieben sind; gesteht er ein, dass dieselben zwar an sich wenig zahlreich sein, setzt aber hinzu, dass sie durch ihre Bestimmtheit und Ergiebigkeit dennoch hinreichen, um mit Zuhilfenahme der Geschichte der Nachbarvölker und mit Berücksichtigung des natürlichen Ganges der Weltgeschichte überhaupt ein wahres und hinlänglich vollständiges Bild des slawischen Alterthums zu entwerfen, wie es sich in Europa entwickelt hat; denn die vielerlei Hypothesen über den Einzug der Slawen aus Asien nach Europa und ihre Ausbreitung in den Landstrichen diesseits und jenseits der Karpathen gehören in die vorhistorische Zeit und liegen daher ausserhalb der Forschungen von Schafariks Werke, das auf rein historischem Grunde fusst. Die Ursache dieser geringen Aufmerksamkeit für die

Empfohlene Zitierweise:
J. P. Jordan: Jahrbücher für slawische Literatur, Kunst und Wissenschaft. Erster Jahrgang. Robert Binder, Leipzig 1843, Seite 11. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Jahrb%C3%BCcher_f%C3%BCr_slawische_Literatur,_Kunst_und_Wissenschaft_1_(1843).pdf/22&oldid=- (Version vom 30.8.2018)