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Liste.png J. P. Jordan: Jahrbücher für slawische Literatur, Kunst und Wissenschaft. Erster Jahrgang

einer Anzahl junger Männer unternommene Uebersetzung der Werke Göthen’s hat mit der zweiten Lieferung ihr Ende erreicht. Es wird in Russland wenig bedauert, weil die Ausführung der Idee des grossen Deutschen wahrhaft unwürdig war.

 Ueber die wissenschaftlichen Erscheinungen werden wir bei einer andern Gelegenheit zu sprechen kommen; sie hängen noch mit der Nationalliteratur wenig oder gar nicht zusammen, und haben nicht bloss einen fast durchgängig fremden Charakter, sondern ruhen auch fast ausschliesslich auf fremder Grundlage.

 Die Journalistik bildet, wie wir schon mehrmals wiederholten, einen Haupttheil der russischen Literatur. Die Politik, in andern Ländern ein wahrhaftes tägliches Brod für den Gebildeten, ist in Russland in Folge der Censurverhältnisse und aus Mangel an Zuneigung fast gänzlich vernachlässigt; dagegen sind die wissenschaftlich-belletristischen Journale der Centralpunkt und die einzige Quelle der Befriedigung solcher Bedürfnisse. Die russische Journalistik hat aber ihre Hauptmacht nicht in Tagesblättern, wie in Westeuropa; die geringen Mittel des Verkehrs, die Schwierigkeiten der Ausbreitung von Schriften jeder Art, der fast ganz darniederliegende Buchhandel, Alles hat dazu beigetragen, in Russland die „dicken“, die „dickleibigen“ Journale zu einem Bedürfnisse zu machen. Ein wahres Muster sind in dieser Hinsicht die „vaterländischen Memoiren, Oteczestwennyja Zapiski“; eine Monatsschrift, die 12 Hefte, jedes zu 25—30 Bogen des grössten Formates mit engem Druck, also des Jahres etwa so viel als einige 800 Octavbogen mittelen Druckes gibt. Kommt so ein Heft in die Provinzialstadt oder gar auf ein Landgut, so fallen alsobald die Menschen darüber her; jeder liest, was ihm behagt: die Damen die Novellen und die Modeberichte, die Herren die Gedichte, die kritischen Skandalosa, der Oekonom die landwirtschaftlichen Berichte, der Kaufmann die Handelsartikel, die jungen Leute die Miscellen und Anekdoten, Niemand aber die wissenschaftlichen Aufsätze, und so geht das Buch von Hand zu Hand, bis es jeder gesehen, gelesen oder wenigstens durchgeblättert hat. Dazu bedarf man wenigstens 3 Wochen, und nahen nun die letzten Tage des Monates, so eilt man wieder auf die Post oder zu dem Boten und kann es nicht erwarten, bis frische Nachrichten aus Petersburg ankommen. Das ist der Mechanismus, der in der russischen Journallekture herrscht. Gegen ihn vermag sich keine Anstrebung zu halten; jede büsst es mit eigenem Schaden. — Unter den neuerstandenen Journalen bricht sich der „Moskwitjanin“, von Pogodin in Moskwa redigirt, mit raschem Glücke Bahn. Die tüchtigsten Kräfte Russlands, selbst Gogol sind für denselben thätig und geben der Zeitschrift eine Bedeutung, welche immer zunehmen muss, je bekannter dieselbe wird. Geschichte und Kritik sind die beiden Angelpunkte dieses Blattes, Sammlungen von historischen Materialien und kritische Sichtung der in der belletristischen, wie in der wissenschaftlichen, besonders der historischen Literatur auftauchenden Erscheinungen werden nur selten von Erzählungen oder Gedichten, auch ethnographischen Schilderungen und dergleichen unterbrochen. (Vergl. die Corresp. aus Petersburg.) Uebrigens ist diess Journal in Russland das einzige, welches (neben der polnisch-russischen Dennica) den Panslawismus, aber nicht etwa den vermeintlichen russischen, vertritt.



Empfohlene Zitierweise:
J. P. Jordan: Jahrbücher für slawische Literatur, Kunst und Wissenschaft. Erster Jahrgang. Robert Binder, Leipzig 1843, Seite 231. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Jahrb%C3%BCcher_f%C3%BCr_slawische_Literatur,_Kunst_und_Wissenschaft_1_(1843).pdf/242&oldid=- (Version vom 30.8.2018)