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Liste.png J. P. Jordan: Jahrbücher für slawische Literatur, Kunst und Wissenschaft. Erster Jahrgang

konnte dem Gründer der gegenwärtigen astronomischen Schule wohl nicht werden; Demuth und Herzenseinfalt Hessen ihn die Gesetze finden, nach denen der Schöpfer das All geordnet.

 Zu gleicher Zeit mit der Familie der Koperniks war auch die böhmische Sprache nach Polen gekommen. Unter den Jagellonen wurden böhmische Bücher in Krakau gedruckt; so unter andern die Privilegien der Stadt Oswiecim, in böhmischer Sprache geschrieben. Sigmunds I. Tochter, Isabella, die Königin von Ungarn, schrieb an den Kardinal Hosius, böhmisch. Lucas Gornicki, ein Edelmann Sigmund Augusts, erzählt in seinen Schriften, dass Böhmisch mit Polnisch zu mischen damals in Polen zum guten Ton gehörte. „Kein Wunder,“ bemerkt der Verfasser; „die böhmische Sprache ist ein Dialekt der polnischen, das böhmische Volk ein Zweig unseres Volkes (!?).“

 In dem Rathsbuche von Thorn: Liber judiciorum veteris civitatis Thorunensis geschieht zufällig unter dem Jahre 1400 Erwähnung eines Kopernik (ohne Taufnamen) und seiner Frau Augustine. Vielleicht ist es derselbe Grossvater des Astronomen, der 1396 in Krakau angeführt wird. — In demselben Thorner Rathsbuche wird unter dem Jahre 1422 ein Peter Kopernik aus Frankenstein und seine Frau Margaretha aus Thorn erwähnt; auch dieser stammt aus Böhmen ab. Denn das schlesische Städtchen Frankenstein gehörte bereits seit 1312 zum böhmischen Reiche. In diesem Jahre hatte Johann von Böhmen von Boleslaw von Münsterberg das Schloss Glatz und von dessen Sohne Nicolaus später das Schloss Frankenstein gekauft. Diese klar am Tage liegenden Verhältnisse der Koperniks mit Krakau und Thorn waren Ursache, dass der Sohn des im Jahre 1396 in Krakau angesiedelten Kopernik, der Vater des Astronomen, zwar in Krakau geboren, 1420, und daselbst erzogen wurde, später aber, 1462, nach Thorn übersiedelte. Hier nahm er 1464 Barbara, die Schwester des Bischofs von Ermeland, Weisseirod, zur Gattin, und kaufte für sie das noch jetzt stehende Haus in der Annastrasse, in welchem der Astronom geboren wurde. Hier war er 1465 Rathsherr geworden und starb 1483. In den Acten und Zerneckis Chronik von Thorn heisst er immer „Krakauer Bürger.“

 Lukas Weisseirod, der Bürger von Thorn, dessen Familie im Wappenbuche Niesieckis unter dem polnischen Adel aufgezählt wird und dessen Name ein wendisch-slawischer ist, und seine Gattin Katharina Modlibóg waren Aeltern von drei Kindern, wie Gottfried Centner in seinem Buche: „Geehrte und gelehrte Thorner“ vom Jahre 1763 berichtet. Von diesen wurde Lukas Bischof von Ermeland, und Barbara heirathete in Thorn den Nicolaus Kopernik, den Bürger von Krakau, von welchem sie vier Söhne hatte, nämlich: Nicolaus, den Astronomen, geb. in Thorn den 19. Febr. 1473; Georg, der später Vater von acht Töchtern und einem Sohne war; Nicolaus, den Wundarzt und Andreas, den Kanonikus von Ermeland. Weil nun überdies Centner noch beweist, dass die Familie der Modlibógs eine polnische und das noch eine adelige ist, so fliesst dann in den Adern unsres Astronomen kein Tropfen deutschen Blutes, weder dem Schwerte noch der Spindel nach. Im Jahre seiner Geburt herrschten die Jagellonen in Pohlen und in Böhmen; dort Kasimir IV., hier sein Sohn Wladyslaw.

 Die Stadt Thorn, welche bereits 1545 die erste von allen unter das Joch der deutschen Kreuzritter gebeugten Städten sich wieder unter die alte Herrschaft der polnischen Könige begab und 19 Jahre darauf durch die Geburt des grössten Astronomen verherrlicht wurde, liegt an der Weichsel, in jener allpolnischen Provinz, welche Masowien hiess, in jenem alten Wojewodenthum, das seit 1466 den Namen des Kulmner führte, in jener Diöcese, welche anfänglich von Plock, später von Kulm benannt wurde. Die Bischöfe dieser Diöcese wohnten in Lubawa (Löbau); ihre Kathedralkirche aber war in Chetmża (Kulmsee). Und da das sogenannte Kulmer Land nicht zu Preussen gehörte, sondern seit Jahrhunderten ein Theil von Masowien (Masuren) war, wie das Johannes Leon von Ermeland

Empfohlene Zitierweise:
J. P. Jordan: Jahrbücher für slawische Literatur, Kunst und Wissenschaft. Erster Jahrgang. Robert Binder, Leipzig 1843, Seite 248. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Jahrb%C3%BCcher_f%C3%BCr_slawische_Literatur,_Kunst_und_Wissenschaft_1_(1843).pdf/259&oldid=- (Version vom 16.12.2018)