Seite:Jahrbücher für slawische Literatur, Kunst und Wissenschaft 1 (1843).pdf/26

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Liste.png J. P. Jordan: Jahrbücher für slawische Literatur, Kunst und Wissenschaft. Erster Jahrgang

Slowane, abgeleitet bald von Slowo, Wort, dann wieder von Slawa, Ruhm, und endlich von Slowy, einer Gegend,in welcher jener slawische Volkszweig ehemals Wohnen mochte,von welchem aus im Laufe der Zeit der Name Slowenen auf alle Winiden-Serben überging; als Partikularname gilt er noch bei den Slowenen im Innern von Russland am Ilmensee bis zum XII. Jahrh., die man dann auch Russen und ihr Land swjataja Rusj (das heilige Russjen) nannte, so wie bei den Slowenen in Mösien bis zum X. Jahrhunderte; gegenwärtig haben ihn nur noch die „ Slowencen“ in Steyer und Kärnthen, und die „Slowaken“ in Ungarn. Der ehedem weit verbreitete Name Serben ist ebenfalls nur noch zwei Völkerschaften verblieben, den Slawen in beiden Lausitzen und den in Südungarn, in Serbien, Bosnien und Dalmatien. §. 26. Nachdem nun die im vorigen §. erwähnten Züge der slawischen Völkerschaften nach Süd und West zu ihrem Ende gediehen waren und die einzelnen Stämme in ihrer neuen Heimath sich festgesetzt hatten, um dieselbe nie wieder zu verlassen: da kräftigten sie sich hier in kurzer Zeit durch ihre friedliche Bebauung des Feldes, durch Viehzucht und Handel so, dass sie eigene Königreiche und Fürstenthümer bildeten, welche getrennt von einander und ohne alle Rücksichtnahme auf ihre allgemeine Stammverwandtschaft, ihre eigenen Bahnen wandelten. Von diesem Augenblicke an beginnt denn auch die Partikulargeschichte der einzelnen slawischen Völkerschaften und der von ihnen gegründeten Reiche. – Nach Dobrowsky’s Eintheilung, welche bis auf diesen Augenblick die beste ist und es auch für die Folge bleiben wird, da sie sich auf den Unterschied in den Sprachdialekten gründet, zerfallen die Slawen in zwei Reihen, in die I. Ost- und die II. Westslawen. Zu beiden Reihen gehören 3 Klassen: zur ersten 1) die Russen, und zwar Gross-, Klein-, Weiss-Russen und Nowgoroder; 2) die (alten und neuen) Bolgaren; 3) die illyrischen Slawen, nämlich die Donau-Serben, die Chorwaten und Slowencen; zur zweiten dagegen 1) die Liechen, d. i. die Polen, Schlesier und Pomeraner; 2) die Czechen, nämlich die eigentlichen Czechen in Böhmen, die Mährer und die Slowaken; 3) die Elbslawen, zu denen einst die Luticer, die Bodricen, Milczaner u. a. gehörten, die aber nun bis auf die Lausitzer Serben völlig germanisirt sind. Von jeder einzelnen dieser Völkerschaften giebt nun Schafarik erstens eine Uebersicht ihrer Geschichte bis zur Ueberkunft des Christenthums; dann beschreibt er auch noch die einzelnen kleinen und grössern Zweige, in die sie zerfallen, so wie die Sitze, welche sie im Verlaufe der Zeit angenommen haben. Wir verschieben es bis auf das zweite Heft unserer Jahrbücher, auch diese Forschungen in gedrängter Uebersicht unsern Lesern vorzulegen.

2. Ljudewit Gaj und der Illyrismus.

 Kein Stamm der Slawenwelt hat sich in so viele einzelne Zweige gegliedert, als der illyrisch-serbische, oder, wie er jetzt von gewissen Seiten schlechtweg genannt wird, der illyrische. Im Laufe der Zeit hatten in den Gebieten, welche von diesem Stamme bewohnt werden, mehr als zehn verschiedene Volks- und Landestheile eine gewisse nationale Selbständigkeit errungen, die freilich mehr oder minder fremdem Drucke und Einflusse ausgesetzt war. So waren die illyrischen Slawen in Steyermark und Kärnthen frühzeitig unter deutsche Oberherrschaft gekommen, welche namentlich von den Gränzen und den grösseren Städten aus zersetzend auf ihr nationales Wesen einwirkte. Fester hielt das stammverwandte Krain an seiner slawischen Eigenthümlichkeit. Ein ganz anderes Geschick traf Croatien, Slawonien und das mit ihnen innig verbundene Gebiet der Militairgrenze. Das alte Croatenreich unterlag früh dem Andrange Ungarns, während die slawischen Bewohner in Dalmatien und in einem kleinen Gebiete des heutigen Oberitaliens italienische Civilisation annahmen. Diese vernichtete in den zwanzig slawischen Stadtgemeinden in Dalmatien jeden Ansatz zu einem Bundesstaate. In Serbien und Bosnien und den ihnen benachbarten Gebieten schien im XIV. Jahrhunderte

Empfohlene Zitierweise:
J. P. Jordan: Jahrbücher für slawische Literatur, Kunst und Wissenschaft. Erster Jahrgang. Robert Binder, Leipzig 1843, Seite 15. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Jahrb%C3%BCcher_f%C3%BCr_slawische_Literatur,_Kunst_und_Wissenschaft_1_(1843).pdf/26&oldid=- (Version vom 3.11.2018)