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Liste.png J. P. Jordan: Jahrbücher für slawische Literatur, Kunst und Wissenschaft. Erster Jahrgang

 Einen ähnlichen Anfang sehen wir auch in dem „Wort vom Heerzuge Igor’s“, in diesem Denkmale slawischer Poesie aus dem Ende des zwölften Jahrhunderts. Darin fängt der alte Sänger so an: „Wäre es nicht schön, ihr Brüder, nach altem Wort zu beginnen die mühsamen Nachrichten vom Heereszuge Igors u. s. w.“

 Ausser den polnischen Dudelsackspielern kamen auch serbische Sänger in die Gegenden der untern Weichsel, welche auf der Geige und Kobsa alte Weisen spielten und dazu Lieder sangen, wie die Polen und die mannhaften Chorwaten vor Zeiten die Türken geschlagen. Wir haben eine Schilderung aus dem XVI. Jahrhunderte, worin die serbischen Sänger und die polnischen Dudelsackpfeifer folgendermassen erwähnt werden;[1] „Die Soldaten, die ihr ganzes Leben im Kriege zubrachten, wo sie des Trompeten- und Trommelschalles schon überdrüssig geworden waren, horchten mit Vergnügen den Tönen der Kobsa. Die durchdringenden Zinkenbläser spielen den Kosaken kriegerische Lieder, und diese hören denselben zu, bis ihnen vor Trunkenheit die Augen zufallen.“

III.

 Unter Diejenigen, welche nicht historische oder weltliche, sondern geistliche Lieder singen, gehören die sogenannten „Grossväter und Schüler“ (dziady i żak). An einer andern Stelle werde ich mich weitläuftiger von den Grossvätern aussprechen; jetzt will ich nur Einiges über die erstem bemerken.

 Schon Simon Starowolski beklagte sich 1625 über die Menge dieser Bettler, die er recht passend „Renner (bieguny)“ nannte (Votum o naprawie R. P. 1625). Keine kirchliche Feier, kein Sonn- oder Festlag, selbst keine Hochzeit ging vorüber, ohne dass sich dabei nicht ein Schwarm solcher Bettler sammelte. Sehr treffend sagt das Sprichwort von ihnen: Keine Hochzeit ohne Freiwerber und kein Begräbniss ohne „Grossvater.“ Diese Bettler stellten sich in langen, dichten Reihen an der Kirche auf und fingen oft um die vorteilhaftesten Stellen Schlägereien an, wobei sie sich ihrer Krücken und Stöcke als Waffen bedienten. Neben wirklichen Krüppeln, Armen und zur Arbeit untüchtigen Greisen gab es eine besondere Art Bettler, die sich von Geschlecht zu Geschlecht vermehrte, und ihre gesunden Kinder zu weiter nichts, als zur Bettelei erzog und tüchtig machte. Jeder Bettler hatte, als Erbe vom Vater und Grossvater her, seinen eigenen Bezirk, den er mehrere Mal des Jahres durchwanderte und so sein sicheres Brod hatte. Das fromme Volk, das in jedem Hilfsbedürftigen einen Lazarus des Evangeliums sah, unterstützte auf diese Art selbst diese Lebensweise. Diese Alten durchzogen Dörfer und Städte, in schmutzigen Lumpen angethan, mit dem Dudelsacke in der Hand, eine Schapka oder einen Hut auf dem Kopfe, Quersack und Tasche auf dem Rücken, in der einen Hand eine Schüssel, in der andern den Rosenkrauz, bewaffnet mit einer knotenreichen Krücke, zuweilen auch mit einer Peitsche zum Abwehren der Hunde, ihrer erbittertsten Feinde (daher auch das Sprichwort: sie lieben ihn, wie die Hunde den alten Bettler), gestützt auf Krücken und Stelzfüsse, um sich das Ansehen von Krüppeln zu geben, mit einem Horne, langem Barte und flehender, demüthiger Geberde. Der Bettler, der das Mitleid durch seine Lumpen erwecken wollte, musste nicht nur ein gutes Gedächtniss haben, viele Gebete auswendig wissen und fromme Lieder geschickt vortragen können, sondern auch ein Schlaukopf sein, welcher die geheimen Sorgen und Bedürfnisse der Leute seines ganzen Sprengels errieth und allenfalls nach


  1. Swiatowa rozkosz, 1630, in 4°. Im XVI. Jahrhundert fing man schon an, sich gegen den Dudelsack zu erklären. Rej liebte ihn nicht und machte sich oft lustig über ihn. — Rysinski verspottet in seinen Gesprächen gleichfalls die Kobsa.
Empfohlene Zitierweise:
J. P. Jordan: Jahrbücher für slawische Literatur, Kunst und Wissenschaft. Erster Jahrgang. Robert Binder, Leipzig 1843, Seite 312. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Jahrb%C3%BCcher_f%C3%BCr_slawische_Literatur,_Kunst_und_Wissenschaft_1_(1843).pdf/323&oldid=- (Version vom 1.10.2018)