Seite:Jahrbücher für slawische Literatur, Kunst und Wissenschaft 1 (1843).pdf/36

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Liste.png J. P. Jordan: Jahrbücher für slawische Literatur, Kunst und Wissenschaft. Erster Jahrgang

 „Freilich, wir sind sicher nicht die ersten Gäste bei Anna Karpowna; auch ohne unsere Kinder wird ein lustiges Mädchenfest zu Stande kommen,“ erwiedert die unerbittliche Hausfrau.

 „Was lasset Ihr also dem Philimon Spiridonowitsch und der Anna Karpowna sagen?“ fragt nun der Swat.

 Nun tritt eine kleine Pause — Bedenkzeit ein; man sieht, es kostet den beiden Gatten Mühe, sich zu entscheiden. Man schwankt zwischen Wollen und Nicht-Sollen, endlich wird dem Abgesandten der Bescheid: „Verbeuge Dich dem Philimon Spiridonowitsch und der Anna Karpowna, mein lieber Swatuschka; wir werden also kommen; — wir werden ganz bestimmt[WS 1] kommen.“

 Nun kam der erste Abend des Festes. Durch die Gassen zogen die Reiseschlitten; an den Thoren standen ganze Schaaren von Frauen. Auf den Schlitten fuhren die Mädchen nach dem gastlichen Hause (zwanyj dom). Ein Mädchen, das Braut war, wurde von ihrer Mutter, ihrer Wärterin, den Gespielinnen und anderen älteren und bekannten Frauen geführt. Dem Zuge schlossen sich aus Neugierde auch fremde Weiber an, um den Zug anzusehen, um zu wissen, was für Schmuck die oder jene trägt, wie man die Gäste im gastlichen Hause aufnimmt. In dem ersten Schlitten, der den ganzen Zug anführte, sassen: die Mutter mit der Tochter; zu ihren Füssen die Lieblingsgespielin, irgend ein armes Mädchen aus niederem Stande; im zweiten Schlitten lagen in verschiedenen Bündeln und Päcken die Schmucksachen, dann die Näschereien, das Backwerk und andere solche Geschenke, auch sassen die Begleiterinnen darin. Je grösser der Zug war, desto mehr Ruhm und Ehre für das gastliche Haus. Vor dem Zuge ging die Einladerin (babka pozywatka) einher. Wenn die Gäste an das Thor des gastlichen Hauses kamen, erwarteten sie im Schlitten (ohne auszusteigen) lärmend und knallend, dass man ihnen entgegen käme. Alsbald traten der Hausherr und die Hausfrau heraus und kamen den gebetenen Gästen bis zum Thore entgegen. Während nun die Angekommenen durch das Pförtchen schweigend eingeführt wurden, nahmen die Begleiter die Bündel aus dem Schlitten. Nach Beendigung allerhand stummer Höflichkeitsbezeugungen traten die Gäste auf den Hof und nun erst grüsste einer den andern. Allmählig kamen nun die Gäste in die Gemächer, da beteten sie zuerst vor den Heiligenbildern, dann machten sie den Anwesenden ihre Verbeugung und empfingen und gaben nun dem Willkommsgruss. Unter den Anwesenden entstand alsbald eine allgemeine Bewegung. Man nöthigte die Neuangekommenen vor Allem Platz zu nehmen, allein dazu waren sie nicht zu bewegen. Der Hausherr und die Hausfrau wandten nun alle Mittel an, Scherz und Ernst, Bitte und Drohung, doch umsonst; — Gäste, welche man vorzüglich ehren wollte, wurden mit besonderer Auszeichnung an die ersten Plätze genöthigt und sollten dadurch auch die übrigen beleidigt werden. Das war nun einmal so Sitte. Während dieses Hin- und Her-Streitens reichten die Kindsfrauen den ihnen Anbefohlenen die Schmucksachen in die Hände; die alten Kammerfrauen vertheilten die Süssigkeiten und das Backwerk unter die Kinder. Die Mütterchen aber steckten den Stubenmädchen kleine Geschenke zu. Nachdem man einander noch einige Verbindlichkeiten gesagt, nahm die Mutter endlich von ihrer Tochter Abschied; feierlich übergab sie dieselbe dem Herrn und der Frau vom Hause und bat sie mit Thränen in den Augen: „Auf ihre liebe, liebe und gute Tochter ein aufmerksames Auge zu behalten, ihr mit Trost und Liebe entgegen zu kommen.“ Und die Frau vom Hause gab ihr die Versicherung: „Wir werden uns keine Schande mit ihr verdienen, das Kind soll in allem befriedigt werden; wir werden uns nicht so wegwerfen (d. h. erniedrigen),“ und mit solchen Worten begleitete sie die Fremden bis zum Thore. — Und alle diese Ceremonien wiederholten sich regelmässig bei jedem Mädchen, das man im gastlichen Hause willkommen hiess.

 Die eingeladenen Mädchen wurden auf der Stelle gute Freundinnen, sie mochten einander früher kennen, oder nicht. Vor Alters nannten sie einander auch nie anders als „podruźenka, liebe Gespielin“; bei dem Herrn und der Frau, sowie der

Anmerkungen (Wikisource)

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Empfohlene Zitierweise:
J. P. Jordan: Jahrbücher für slawische Literatur, Kunst und Wissenschaft. Erster Jahrgang. Robert Binder, Leipzig 1843, Seite 25. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Jahrb%C3%BCcher_f%C3%BCr_slawische_Literatur,_Kunst_und_Wissenschaft_1_(1843).pdf/36&oldid=- (Version vom 17.4.2019)