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Liste.png J. P. Jordan: Jahrbücher für slawische Literatur, Kunst und Wissenschaft. Erster Jahrgang

Der eigentliche Grund mag wohl in dem Geschmacke der höchsten Regionen liegen, nach welchem sich wie überall die ganze Stadt richtet. Das Theater findet überhaupt wenig Interesse bei den höchsten Ständen; denn diesen bieten sich anderwärts so unzählige, noch glänzendere Vergnügungen, dass es das Schauspiel nicht bedarf. Höchstens geht man in das französische, weil diess Mode ist. Für das deutsche findet sich immer noch ein zahlreiches Publikum, da die Deutschen in Petersburg meist Kauf- und höhere Gewerbsleute sind, und mithin auf das Theater etwas verwenden können.

 Das russische oder Alexander-Theater hat nun ebenfalls ein sehr zahlreiches Publikum; allein trotz dem will es nicht recht Fortschritte machen, weil die alles belebende Aufmerksamkeit des Hofes sich nur höchst selten ein Mal demselben zuwendet, und weil die höheren Stände, deren gewöhnliche Umgangssprache so wie ganzes Thun und Wesen französisch ist, es unter ihrer Würde halten, das russische Theater zu betreten. Demnach bleibt für das Alexander-Theater ein Publikum ganz eigener Art, welches keineswegs besonders dazu geeignet ist, das russische Bühnenwesen zu heben. Die „Vaterländischen Memoiren“, eine Zeitschrift, welche Russland überall nur nach westeuropäischem Maasse misst und somit gezwungen ist, beinahe Alles zu tadeln, was ihr unter die Hand kommt, spricht sich in ihrer sonderbaren Weise so über das Alexander-Theater–Publikum aus:

 „Das Publikum des Alexandertheaters ist ein ganz eigenthümliches Publikum, wie man ein ähnliches weder in der alten noch in der neuen Welt finden dürfte. Es ist das ein Publikum ohne Erinnerung, ohne Kern und ohne festen Boden; es besteht entweder aus jener von Zeit zu Zeit in Petersburg zusammenströmenden Bevölkerung, welche heut hier und morgen Gott weiss wo ist; – oder aus jenen Geschäftsleuten, welche in das Theater kommen, von den Protocollen und Referaten entfernt, ein wenig zu Athem zu kommen, und denen nach dem Canzleistyl die Diction der „Nordischen Biene“ und der Humor der „Lesebibliothek“ und das feine Spiel eines Vauxdevilles-Witzes, das Beste und Höchste in der Welt dünkt. Wo sollen sich alle diese Menschen merken, was vor 20 Jahren geschehen ist.“ – Und etwas vorher heisst es: „Der Productivgenius unserer nationellen Dramaturgen ist nun endlich ganz verschwunden. Selbst das Publikum des Alexandertheaters, dieses mit dem Geringsten zufrieden zu stellende und weniger wählerische Publikum, als alle anderen in der Welt, fängt sogar an allmählig einzusehen, dass „man nach dem Seinigen nicht weit zu gehen braucht.“ Was ist da zu thun, besonders für die armen Beneficianten? – Aus Kummer haben sie sich zu einem verzweifelten Schritte entschlossen: gute alte Stücke auf die Bühne zu bringen und so die verwitterten Gebeine des gottseligen Classicismus von neuem in Bewegung zu setzen. Das Publikum des Alexandertheaters entschloss sich ebenfalls aus Kummer, diese Stücke mit anzusehen, welche übrigens für dasselbe eine nagelneue Novität sind und welche es im Kurzen nicht weniger langweilen werden als die selbstgemachten oder übermachten Vauxdevilles, sobald es dieselben einige Male wird angesehen haben. Ach mein Gott, wie schnell geht doch alles in unserem Russland! Vor wenigen Jahren noch herrschte in unserer Literatur und auf unserer Bühne der französische Pseudoclassicismus. Vor wenig Jahren erst hörten die wüthenden Kämpfe für das Romantische gegen das Classische auf! Und sieh, schon schaut man die Stücke Racines und Moliere’s im Theater wie neue an, von denen nur die Journalisten und die Literaten wissen, dass sie alt sind. Uebrigens ist die Ursache davon nicht allein der schnelle Umschwung der Meinungen, sondern auch die unschuldige Unkenntniss dessen, was gestern geschah, und was heute nicht mehr geschieht.“

 So gibt man denn nun Racine’s „Iphigenie in Aulis“, Moliere’s „Schule der Frauen“, ja sogar die „Kritik auf die Schule der Frauen“!! – Letztere hätte wohl wegbleiben können; sonst aber können wir es nicht so unbedingt verwerfen, dass man auch gute alte Stücke auf die Bühne bringt. Der Geschmack des Publikums wird dadurch nur klarer und kommt zum Bewusstsein des Unterschiedes zwischen dem Ehemaligen und dem Jetzigen. Auch sind sie bei weitem besser

Empfohlene Zitierweise:
J. P. Jordan: Jahrbücher für slawische Literatur, Kunst und Wissenschaft. Erster Jahrgang. Robert Binder, Leipzig 1843, Seite 30. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Jahrb%C3%BCcher_f%C3%BCr_slawische_Literatur,_Kunst_und_Wissenschaft_1_(1843).pdf/41&oldid=- (Version vom 30.8.2018)