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Liste.png J. P. Jordan: Jahrbücher für slawische Literatur, Kunst und Wissenschaft. Erster Jahrgang

einem ovalförmigen Saale, dessen oberes Ende mit leichter Mühe in eine Bühne verwandelt wird, während der übrige Raum mit 2 Reihen von Logen und einem weit umfassenden Parterre einer ansehnlichen Masse von Zuschauern Platz zu geben geeignet ist. Der Saal, sowie das ganze Gebäude mit allen seinen Nebenbauten, als Speisesälen, Billard-, Kaffee- und Rauchzimmern, Gesellschaftsälen, Weinkellern u. s. w., ist auf das Glänzendste eingerichtet, und wird demnach dem böhmischen Theater nicht nur eine würdige, sondern auch eine passende, bequeme, zweckmässig eingerichtete und glänzende Behausung bieten. Die Hoffnungen, welche man auf dieses neue Gebäude baut, sind gross, allein sollen sie verwirklicht werden, so muss so manches Hinderniss zuvor aus dem Wege geräumt sein, das jetzt noch wie ein lastender Alp auf dem böhmischen Theater ruht. Wie weit diess die Freunde des Czechenthums erreichen werden, muss die Folge lehren; für jetzt lässt sich nur der Wunsch aussprechen, es möge ihnen gelingen, was sie zum Wohle ihrer Nation und ihrer Heimath beginnen.

3. Das neue Theater in Lemberg.

 Die Polen hatten bereits im Mittelalter ihr eigenes Schauspiel. Wie in Deutschland in den Klöstern und den Klosterschulen wurden auch hier in denselben die Legenden der Heiligen und andere biblischen Geschichten in lateinischer Sprache aufgeführt. Später entwickelte sich unter dem Einflusse der königlichen Macht, von Frankreich aus verpflanzt, ein eigenes polnisches, nicht-geistliches Theater, das bereits im XVII. und XVIII. Jahrhundert in hoher Blüthe stand. Mit der Neuzeit wurde auch das Drama weiter verbreitet und alle wichtigen Städte im ehemaligen Polenreiche hatten ihr Schauspiel. Als Polen fiel, sank auch seine Wissenschaft und Kunst; der Fall des Schauspiels war somit unvermeidlich. Nur langsam erheben sich aus den Trümmern des grossen Reiches die Musen schüchtern und wie aus langem Schlummer wieder empor. Auch Lemberg war ein solches Geschick vorbehalten. Bereits im Jahre 1835 begann der edle Graf St. Skarbek, getrieben von patriotischem Eifer, an dem nordwestlichen Ende der innern Stadt, wo seit vielen Jahren die Trümmer des untern Schlosses gestanden, den Bau eines grossartigen prachtvollen Gebäudes in fast reiner Quadratform, nämlich 140 Schritte lang und 110 breit. Die Architectur des Gebäudes ist einfach und wenig glänzend. Die Hauptseite, deren Fronte auf sechs jonischen, auf einem Balkon ruhenden Säulen den schönsten Anblick gewährt, hat fünf grosse Thore, welche nach dem Theater führen; oben über den Säulen in einem dreikantigen Schilde glänzt das gemeinsame polnische Wappen und an der Spitze erhebt sich ein Apollo mit dem Viergespann.

 Nach Allem, was man davon gehört und gesehen, muss man bekennen, dass das neue Lemberger Theater den grössten Gebäuden dieser Art in der ganzen österreichischen Monarchie sich kühn an die Seite stellen darf; was die wohlgeordnete Einrichtung im Innern betrifft, dürfte es von keinem übertroffen werden. Alles ist nach den besten Mustern gemacht; das Proscenium hat eine ansehnliche Höhe, die Bühne ist ebenfalls tief genug; alle Plätze sind so eingerichtet, dass die Aussicht auf die Bühne nirgends verdeckt ist; Logen sind im Ganzen 64, und zwar in 4 Reihen über einander. Die ganze Ausstattung, die Malerei, die Goldstaffirungen, der Ausschlag der Sitze, die Beleuchtung, Alles ist auf das Prächtigste hergestellt. Den einzigen Fehler jedoch darf man nicht unerwähnt lassen, weil er an sich wichtig und von grossen Folgen ist; das Orchester ist nämlich etwas zu tief, wesshalb sich die Musik im Parterre sehr verliert. Die Pracht und Eleganz der Coulissen und der Reichthum der Garderobe ist ausserordentlich. In diesem Gebäude wird nun abwechseld deutsch und polnisch gespielt. Die Schauspielergesellschaft, welche bei dem alten Theater angestellt war, wird wahrscheinlich grossen Theils auch für das neue verbleiben. Schau- und Lustspiel sind ziemlich gut besetzt; weniger vortheilhaft steht es mit dem Trauerspiel und der

Empfohlene Zitierweise:
J. P. Jordan: Jahrbücher für slawische Literatur, Kunst und Wissenschaft. Erster Jahrgang. Robert Binder, Leipzig 1843, Seite 36. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Jahrb%C3%BCcher_f%C3%BCr_slawische_Literatur,_Kunst_und_Wissenschaft_1_(1843).pdf/47&oldid=- (Version vom 16.9.2019)