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Liste.png J. P. Jordan: Jahrbücher für slawische Literatur, Kunst und Wissenschaft. Erster Jahrgang

IV.
Industrie und Oekonomie.
1. Die gewerbliche Literatur in Böhmen.

 Die Industrie Böhmens hat sich, begünstigt durch mancherlei Umstände, in der neuesten Zeit so gehoben, dass sie die aller andern Länder des österreichischen Kaisertums weit hinter sich zurücklässt. Die Grenzdistricte, besonders nach Sachsen und Schlesien hin, blühten seit den letzten Decennien des vorigen Jahrhunderts durch ihre Leinwand - und Tuchfabrikation; im Innern des Landes, in den grösseren und kleineren Städten, nahmen Fabriken und die übrigen Gewerbe einen raschen Aufschwung. Dadurch verbreitete sich ein industrieller Geist über das ganze Land, welcher nicht nur eine vollkommenere Erziehung des nie-dern Mittelstandes überhaupt, sondern vorzüglich auch vollkommeneren Unterricht für die Gewerbe notwendig machte. Die Stände des Königreichs errichteten daher eine polytechnische und später eine Realschule in Prag; eine solche wurde auch in der volkreichen, durch ihre Industrie oben an stehenden Stadt Reichenberg gegründet. Alle diese Schulen waren deutsch; deutsche Lehrer und ausschliesslich deutsche Vorträge machten nur der des Deutschen kundigen Jugend eine höhere Ausbildung möglich; und doch war gerade diese bei Weitem weniger zahlreich und drängte sich nicht so sehr nach dem Unterricht als die böhmische Jugend. Kaum dass sie im Stande waren, die deutschen Vorträge auch nur halb zu verstehen, so scheuten diese lernbegierigen Jünglinge doch keine Mühe und Anstrengung, sich die erwünschten Kenntnisse auch auf einem fremden Gebiete zu sammeln.

 Diese Verhältnisse hatten bereits öfters die Nothwendigkeit zur Sprache kommen lassen, man müsse eigene Gewerbeschulen auch für die böhmische Jugend einführen, in denen die Gegenstände in böhmischer Sprache gelehrt wurden. Die Sache fand von vielen Seiten günstige Aufnahme, von andern wurde sie mit Entschiedenheit zurückgewiesen, indem man behauptete, solche Vorträge seien an sich unmöglich, da die böhmische Sprache sich bisher zu einer solchen Vollkommenheit noch nicht erhoben habe. Hinter solche Unwahrheit verbarg man den eigentlichen Grund, böhmische Gewerbeschulen zu verhindern, welcher einzig darin bestand, dass man befürchtete, dadurch der böhmischen Literatur und dem Czechenthum überhaupt Vorschub zu leisten. Denn um diese Zeit hatten die Arbeiten eines Jungmann, Sedlaczek, der beiden Presl, Ammerling’s, Stanjeks und Anderer die Naturwissenschaften auch in der böhmischen Literatur bereits zu ansehnlicher Höhe erhoben; eine feste Nomenclatur, gestützt auf den Genius der Sprache und die tüchtigen Vorarbeiten, welche die altböhmische Literatur lieferte, halte sich herausgebildet, und so stand dieser Zweig der strengen Wissenschaften in der böhmischen Literatur in einer Vollkommenheit da, wie kein anderer. (Wir verweisen hier nur auf die Zeitschrift „Krok“, deren jede Seite einen schlagenden Beweis gegen jene Verkleinerer enthält. In unseren Tagen hat die „Physik“ von Smetana die Wahrheit unserer Behauptung noch glänzender dargethan.) Von einer Unmöglichkeit böhmischer Gewerbeschulen konnte also keine Rede sein; aber dennoch kostete es den Freunden des Czechenthums gar manchen harten Kampf, ehe sie es dahin brachten, dass solche erlaubt wurden. Zuerst nun organisirte der Orden der Piaristen ein solches Institut, welches alsbald von einer Masse lernbegieriger Jünglinge überfüllt wurde. Um dieselbe Zeit entschloss sich auch die königl. ständische ökonomische Gesellschaft in Prag, allwöchentlich an Sonn-und Feiertagen Vorlesungen über gewerbliche Gegenstände halten zu lassen. Der eben so thätige als gelehrte und für seine Nation begeisterte Dr. Ammerling bekam den ehrenvollen Ruf, an der sogenannten „Sonntagsschule“ die böhmischen

Empfohlene Zitierweise:
J. P. Jordan: Jahrbücher für slawische Literatur, Kunst und Wissenschaft. Erster Jahrgang. Robert Binder, Leipzig 1843, Seite 40. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Jahrb%C3%BCcher_f%C3%BCr_slawische_Literatur,_Kunst_und_Wissenschaft_1_(1843).pdf/51&oldid=- (Version vom 28.2.2019)