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Liste.png J. P. Jordan: Jahrbücher für slawische Literatur, Kunst und Wissenschaft. Erster Jahrgang

feierliche Reden, durch Musik und Tanz und Vertheilung von mannigfaltigen Geschenken an die kleinen Kinder den Ort einweihte, an welchem er, der Erwecker der Nationalität in Nedwedic, sein Wohlgefallen gehabt. Und weil Herr Zrzawy auch ein frommer und religiöser Mann war, beschlossen die Nedwedicer, an derselben Stelle die Bildnisse der beiden Slawen-Apostel, Cyrill und Methodius, als der ersten Verkündiger des Christenthums im grossmährischen Reiche, aufzustellen. So feiert die Nation das Andenken ihrer grossen Männer; zwar nicht mit Brillant-Ringen und goldenen Medaillen, noch mit glänzenden Ordenssternen, sondern durch eine herzliche Verehrung und unvergessliches Andenken.“ — Zwei Stände sind es also, welche der Verbreitung der böhmischen Literatur und ihrer die Wohlfahrt der Nation befördernden Erzeugnisse unter dem Volke mit besonderer Vorliebe sich zuwenden: die Beamten und die Geistlichen. Beide stehen schon durch ihren Wirkungskreis dem Volke selbst nahe genug, um zu wissen, was für dasselbe am nothwendigsten ist, und wie man seine Bedürfnisse am leichtesten und ausgiebigsten befriedigen müsse, damit das wahre Wohl der Nation nach Kräften gefördert, und dieselbe bald zu der Höhe erhoben werde, welche ihr eine ehrenwerthe Stellung neben den andern Völkern Europas sichert.

2. Die Agronomische Wissenschaft in Russland.

 Russlands wichtigste Ausfuhr besteht bisher immer noch trotz allen zweckmässigen und unzweckmässigen Mitteln, die man angewendet hat, die inländische Industrie zu heben, in Rohstoffen, unter denen die Produkte des Ackerbaues eine der ersten Stellen mit einnehmen. Seit Jahrtausenden, möchte man sagen, versorgen die fruchtbaren Ebenen Mittel- und Westrusslands weite Länder und grosse Völker mit ihren Naturprodukten; denn diese Landstriche sind ein wahres Ackerland, und die Bevölkerung, welche sie nun bebaut, ein ächtes Ackervolk. — Die wechselseitige Einwirkung eines Volkes und des von ihm bewohnten Landes auf einander hat sich wohl nirgends so glänzend gezeigt, als hier. Seit mehreren Jahrtausenden wohnen die Russen nun bereits auf diesem Boden, und sie haben sich mit ihm so assimilirt, dass eine Trennung von demselben ihnen undenkbar ist; aber sie haben ihn während dieses langen Zeitraumes auch so ganz kennen gelernt, ihm alle seine leichtesten Grillen und Launen, seine günstigsten Momente abgelauscht, dass sich in diesen Gegenden die Agricultur von selbst und allmählig zu einer Vollkommenheit emporgeschwungen hat, wie man sie bei dem wechselvollen Klima und bei den so verschiedenartigen Bodenmischungen fast nicht für möglich halten sollte. Dadurch hat die bestehende Weise des Feldbaues eine Festigkeit und Zuversichtlichkeit erlangt, welche wohl lange noch jeden Einfluss einer sogenannten „rationellen“ oder wissenschaftlichen Oekonomie polarisiren dürfte. In der Neuzeit nämlich, wo die Oekonomie durch ihre Bearbeitung als eigene Wissenschaft und durch die rationelle Behandlungsweise des Bodens in Westeuropa einen so bedeutenden Aufschwung genommen hat, hat auch die russische Regierung angefangen, alle Mittel in Bewegung zu setzen, um diesen Zweig des Nationalreichthums auf einen entsprechenden Grad der Vollkommenheit zu erheben. Demzufolge wurden vor allen Dingen an den Universitäten Professuren der Oekonomie errichlet; dann gründete man ökonomische Schulen und ähnliche Lehranstalten; auf den Domainengütern wurden mit ungeheueren Kosten besondere Musterwirtschaften angelegt, von denen die Bauern sich ein Beispiel nehmen sollten; ja das Domainenministerium gibt sogar auf Staatsunkosten eine eigene „agrarische Zeitung“ heraus, neben welcher noch mehrere ähnliche Blätter über das Land zerstreut sind. Die Grundsätze, nach denen man hierbei verfuhr, und die man als Norm für jede „rationelle“ Bearbeitung des Ackers aufstellte, waren fast ausschliesslich jene, welche man in den ökonomischen Werken und Zeitschriften der Deutschen, Franzosen und Engländer vorfand. Nun ist die Oekonomie

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J. P. Jordan: Jahrbücher für slawische Literatur, Kunst und Wissenschaft. Erster Jahrgang. Robert Binder, Leipzig 1843, Seite 43. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Jahrb%C3%BCcher_f%C3%BCr_slawische_Literatur,_Kunst_und_Wissenschaft_1_(1843).pdf/54&oldid=- (Version vom 17.9.2019)