Seite:Jahrbücher für slawische Literatur, Kunst und Wissenschaft 1 (1843).pdf/58

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Diese Seite wurde noch nicht korrekturgelesen. Allgemeine Hinweise dazu findest du auf dieser Seite.
Liste.png J. P. Jordan: Jahrbücher für slawische Literatur, Kunst und Wissenschaft. Erster Jahrgang

müsse. Zwei Werke Puschkins schwanken zwischen diesen beiden Mustern: „die Zigeuner“ und „Mazeppa“; das eine Mal ist er Byron, das andere Mal Walter Scott; aber noch ist er nicht er selbst; auch seine originellste Dichtung, der Roman Onegin, welcher für immer in den slawischen Ländern mit der grössten Entzückung wird gelesen werden und ein ewiges Denkmal dieser Epoche bleibt, hat denselben Zuschnitt wie Byrons Don Juan. Puschkin nahm Don Juan als Muster für seinen Onegin. Er fing dieses Werk in jungen Jahren an, schrieb dann von Zeit zu Zeit einen Abschnitt dazu und machte endlich ein Gedicht in 8 Gesängen daraus; hinreissend durch den Reiz seiner Einfachheit und seinen Styl. Er ist nicht so reich, so fruchtbar wie Byron, er erhebt sich nicht zu solcher Höhe, steigt nicht so bis auf den Boden des menschlichen Herzens hinab; aber er ist gleichmässiger, nimmt mehr Rücksicht auf die Form, ist einfacher und erreicht so oft Byron, ja übertrifft ihn sogar. Die Grundanlage Onegins ist überaus einfach. Anfänglich zeigen sich zwei junge Menschen, die in zwei Mädchen verliebt sind. Der eine von ihnen fällt alsobald in einem Zweikampfe; der andere kehrt kaum gegen das Ende der Erzählung auf den Schauplatz zurück. Aus einem so ärmlichen und kurzen Thema war es ausserordentlich schwer, ein langes Gedicht auszuspinnen; allein Puschkin, welchem die Bilder des häuslichen Lebens Russlands und so manche andere Ereignisse vor der Seele standen, fand darin hinlänglichen Stoff für seine Gesänge, welche bald Tragödie, bald Komödie und dann wieder dramatische Erzählung sind. Was in allem dem die grösste Bewunderung in Anspruch nimmt, ist die seltene Glattheit und Vollendung des Styls. Es ist das ein herrliches Gemälde, dessen Grund und Colorit sich immerwährend verwandelt; und der Leser bemerkt es nicht einmal, wie er von dem Tone der Ode zu einem Epigramm herabsinkt und wieder unmerklich sich erhebend, den Anfang zu einer Erzählung beginnt mit dem Gewichte einer wahren Epopee. Ueber dieses ganze Gedicht Puschkins ist eine bange Angst ausgegossen, weit tiefer und erschütternder noch als wir sie bei Byron finden. Man sieht, dass für den Dichter Alles seinen Reiz verloren, was es nur Grosses und Schönes auf dieser Welt geben kann. Puschkin hatte so vieles gelesen, hatte so viele Erschütterungen in der Gesellschaft seiner jungen Freunde — der eingefleischten Liberalen — durchgemacht, und nun fühlte er überall lange Weile. Und dieses Gefühl zieht ohne seinen Willen wie ein düsterer Schatten durch seine poetische Schöpfung. Die Heldin der Erzählung, ein Ideal, wie es sich Puschkin bei sich selbst geschaffen, ist Olga, ein junges und schönes Russenmädchen, auf dem Lande erzogen. Sie liebt lebendig, heftig, mit der ganzen Reinheit der poetischen Liebe, und verliert ihren Geliebten auf eine schauderhafte Weise — im Zweikampf. Dann heirathet sie einen Officier und lebt glücklich und zufrieden. Neben ihr tritt eine andere weibliche Gestalt auf die Bühne; diese hat Etwas von Byrons Franziska; sie besitzt ein leidenschaftliches Herz, den Kopf voll Roman-Ideen, liest nichts als Romane und Gedichte, sie hängt ihren eigenen Gedanken nach, wacht die Nächte durch, jagt einer gewissen Grösse nach, will ein Original sein und findet ihr Ideal in einem jungen Dandy, der in der gewöhnlichen Weise der Gestalten Byrons sich das ganze Leben langweilt, alle andern anekelt, gewaltsame Zerstreuungen sucht und Karten spielt. Von diesem Geliebten verlassen und verstossen wird sie die Gattin eines alten Generals. Ein ewiger Weltdurchsegler, ein zweiter, aber russischer Child Harold, lernt sie später in Petersburg kennen als glückliche und gefeierte Heldin des Salons, er erglüht von Liebe zu ihr; aber diesesmal behandelt sie ihren Verehrer kalt und stösst ihn mit der ganzen Verachtung einer Frau von hohem Ton von sich. — Es scheint als habe Puschkin bei der Ausarbeitung der ersten Parthien noch keine feste Idee gehabt, wie das Ganze zu lösen sei; denn sonst hätte er wahrscheinlich die Liebe der beiden jungen Leute, die dann einen so traurigen und prosaischen Ausgang nimmt, als nicht so zart und rein und innigkräftig dargestellt. Im Onegin erscheint Puschkin selbst in seiner ganzen Gestalt. Wenn er da von einem lebensüberdrüssigen Byronisten spricht, so malt er in wenigen Versen sein eignes Portrait. „Es war das — so spricht er — ein Mensch,

Empfohlene Zitierweise:
J. P. Jordan: Jahrbücher für slawische Literatur, Kunst und Wissenschaft. Erster Jahrgang. Robert Binder, Leipzig 1843, Seite 47. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Jahrb%C3%BCcher_f%C3%BCr_slawische_Literatur,_Kunst_und_Wissenschaft_1_(1843).pdf/58&oldid=- (Version vom 2.4.2019)