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Liste.png J. P. Jordan: Jahrbücher für slawische Literatur, Kunst und Wissenschaft. Erster Jahrgang

slawische Recht, Krylow, welcher das byzantinische Recht bearbeitet, die Criminalisten Barschew, Redkin, Leschkow und andere. Die Mathematik gewann durch Perewoschczikow; die Naturwissenschaften durch Pawlow, Maksimowicz, Spaski und Schczurowski. — Bei der Bearbeitung der russischen Sprache in dieser Hinsicht ist es unbedingt nothwendig, in die Schatzkammer unseres russischen Alterthums zurückzugehen. In den alten Uebersetzungen der griechischen Kirchenväter, in den theologischen Werken und Streitschriften der alten russischen Geistlichkeit sind vielleicht die Uranfänge unserer nationalen Philosophie und mit ihr zugleich auch die einheimischen Sprachmaterialien für dieselbe verborgen. Auch unser Recht kann nur in ihnen seine Urquelle finden. Die Regierung hat das Siegel des Geheimnisses, welches auf ihnen lag, zerrissen und eröffnet allen den Zutritt zum freien Gebrauch derselben. Wird man nicht endlich anfangen, diese Quellen zu benutzen? Die von der archäographischen Gesellschaft herausgegebenen Werke von unermesslichem Werthe verkünden eine neue Aera für die russische Sprache. In ihnen zeigt sich die Möglichkeit, die Urelemente in ihrer vollen Kraft zu entdecken, welche die Thatkraft Karamzin’s in den letzten Jahren seines Lebens so belebten. Die Umgestaltung der russischen Akademie, welche nun zu neuem Leben und zu neuem Arbeiten berufen ist, berechtigt ebenfalls zu grossen Hoffnungen für die Zukunft; gewiss wird ein Lexikon der alten slawisch-russischen Sprache ihre erste Arbeit sein.“ — Endlich schliesst der Verfasser seinen Artikel mit folgenden kräftigen Worten, welche als Zeichen gelten können, von welchem Geiste die jüngere Generation der russischen Gelehrten beseelt ist: „Wer Hoffnung hat, der arbeitet; nur wer glaubenlos an der Gegenwart und der Zukunft verzweifelt, ist todt für das Leben. Hell wird der Gesichtskreis vor unseren Augen; gross sind die Erwartungen für die Entwickelung unserer Nationalsprache. Wenn wir alle, so viele wir Russen sind, einmüthig unsere Muttersprache lieben und wünschen, dass sie aufblühe und erwachse mit dem Aufblühen Russlands: nun so lasst uns insgesammt ein für allemal abwerfen das Sklavenjoch einer fremden Sprache und sprechen unsere eigene. Unsere Schriftsteller mögen nach dem Beispiele Puschkins immer öfter horchen der Redeweise unseres Volks, sie mögen mit unseren Gelehrten zugleich aufdecken die Schätze unserer alten Sprache; sie mögen nicht länger mehr verachten das Slawenthum, sondern immer mehr und mehr sich bekannt machen mit den Arbeiten der uns stammverwandten Gelehrten, welche mit uns ein und dasselbe Feld der Wissenschaft bearbeiten. Alle vier Quellen: die Sprache der höheren Gesellschaft, die Umgangssprache des Volkes, die alle Schrift — und die allgemein slawische Sprache müssen sich vereint ergiessen in unser vaterländisches Idiom: dann wird sein Strom fliessen zum Erstaunen der Welt, weit und breit, üppig und reich, wie er nie noch geflossen im Russenlande.

J. P.
3. Die populäre Literatur im Posenschen.

 Zu den wichtigsten Folgen der letzten polnischen Revolution gehört auch die, dass der gebildete Theil des polnischen Volkes durch dieselbe endlich zu der Ueberzeugung kam, dass nicht der Adel allein die ganze Nation bilde, sondern dass auch die übrigen Stände als integrirende Theile derselben nothwendig sind, ohne welche kein Volk im Stande sei, zu geistiger und nationeller Selbstständigkeit zu gelangen. Die Folgen hievon fangen sich nun an zu zeigen. Besonders war es der Bauernstand, welcher in der „Republik“ (!!) auf eine Weise bedrückt, niedergehalten und mit Füssen getreten wurde, wie man sich es kaum vorzustellen im Stande ist. Der stolze Edelmann, der Herrscher des Landes, dessen Veto über Krieg und Frieden, über Glück und Unglück entschied, sah den Bauer für geringer an, als die Pferde und Hunde, die zu seiner Lust dienten, und war der festen Ueberzeugung, er sei nur geschaffen einzig und allein für den „Gnädigen Herren“

Empfohlene Zitierweise:
J. P. Jordan: Jahrbücher für slawische Literatur, Kunst und Wissenschaft. Erster Jahrgang. Robert Binder, Leipzig 1843, Seite 61. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Jahrb%C3%BCcher_f%C3%BCr_slawische_Literatur,_Kunst_und_Wissenschaft_1_(1843).pdf/72&oldid=- (Version vom 21.9.2019)