Seite:Johann Gottfried Scheibel - Ein Wort brüderlicher Belehrung über die lutherische Kirche.pdf/31

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Liste.png Johann Gottfried Scheibel: Ein Wort brüderlicher Belehrung über die lutherische Kirche und die unternommene Vereinigung derselben mit der reformirten Kirche zu einer einigen evangelischen Kirche. Für die lutherischen Gemeinen Breslaus 1830 abgefaßt

die Schlauheit und Tücke der reformirten Kirche erfahren mußte,[1] als Pfaffentrug einst sogar den frommen August umgarnte, ihn und Sachsens Mutter Anna selbst, der schnöden Genossenschaft preiß gab, Sachsens Hochschulen von treuen Theologen leerte, 111 treue lutherische Geistliche in wenig Tagen ins Elend wandern hieß, die Kryptocalvinisten über Mitbürger, Mitchristen triumphirten, binnen zehn Jahren unsägliches Unglück im Lande angerichtet war. War es doch Sachsen, welches, während des schwachen Christians Regierung abermals die vorgebliche Schwesterlichkeit der reformirten Kirche noch bitterer erfahren mußte; als reformirte Prediger sich abermals zum Nutzen und Frommen ihrer vermeinten Kirche des Staatsruders geradeswegs zu bemächtigen wußten, ihre „allgemeine christliche Liebe“, die eidliche Verpflichtung auf die von August nach jenen bitteren Erfahrungen veranlaßte Concordienformel sogleich aufhob, die Lehrfreiheit auf den Kanzeln durch Interdikte zu beseitigen trachtete, die freie theologische Beurtheilung, ja Erzählung durch Censur und Schriftverbote wie auch in unsern Tagen abermals zu vernichten suchte, ja, nach Eingriffen auch in den Gottesdienst, gegen die ihrer Kirche treuen Diener Einkerkerung, Absetzung und Verjagung ins Elend folgen ließ. Und auch noch heut ist im Munde des Volkes der Ruf jener Predigerfrau, als ihr Mann auf reformirtes Gebot den Exorcismus bei der Taufe zu unterlassen schwankte: „Ach Herre, lieber Herre, schreibt, daß ihr bei der Pfarre bleibt,“ – als ein bleibendes Andenken[2].

.

  1. Vergl. hierüber Geschichte des Kurstaates und Königreiches Sachsen von Dr. C. W. Böttiger. Hamb. 1831. 2ter Band S. 27. ff. S. 65. ff.
  2. Wörtlich aus dem eben angeführten treflichen Geschichts-Werke eines würdigen Sohnes des gelehrten Böttigers entlehnt.
Empfohlene Zitierweise:
Johann Gottfried Scheibel: Ein Wort brüderlicher Belehrung über die lutherische Kirche und die unternommene Vereinigung derselben mit der reformirten Kirche zu einer einigen evangelischen Kirche. Für die lutherischen Gemeinen Breslaus 1830 abgefaßt. Joh. Phil Raw, Nürnberg 1837, Seite 29. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Johann_Gottfried_Scheibel_-_Ein_Wort_br%C3%BCderlicher_Belehrung_%C3%BCber_die_lutherische_Kirche.pdf/31&oldid=- (Version vom 9.10.2016)