Seite:Keyserling Wellen.pdf/154

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lächelten; ein unendlich einsames, frierendes Lächeln und die Augen füllten sich mit Tränen.

„Sie weinen,“ stieß Hilmar hervor. Eine plötzliche Ergriffenheit würgte ihn wie ein Schmerz: „Sie dürfen nicht allein sein.“ Er glitt von seinem Sitz in das Gras nieder, lag ausgestreckt da, wie einer am Bachrande sich ausstreckt, um zu trinken, und drückte seine Lippen auf Doralicens Hand, die im Heidekraut ruhte. Einen Augenblick blieb diese Hand unbeweglich, dann wurde sie fortgezogen, eine leichte Röte stieg in Doralicens Gesicht und ihre Stimme war wieder wach und lebensvoll, als sie sagte: „Was tun Sie da, stehen Sie doch auf. Ich bin ja gar nicht allein.“

Hilmar richtete sich auf, er kniete jetzt im Heidetraute, jede Linie seines Gesichts und seines Körpers schien gespannt von übergroßer Erregung. „Sie und allein sein. Jeder Augenblick, den Sie allein sind, ist eine furchtbare Verschwendung für einen – für einen von uns anderen. Das weiß ich jetzt. Aber das Leben ist ja reich an solch wahnsinniger Verschwendung. Was ist denn unser Leben anders, als ein beständig dummes Versäumen der ganz kostbaren Augenblicke.“

Doralice hörte ihm zu, sie hörte ihm wohlwollend zu, die Leidenschaft seiner Worte erwärmte

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Eduard von Keyserling: Wellen. S. Fischer, Berlin 1920, Seite 154. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Keyserling_Wellen.pdf/154&oldid=- (Version vom 1.8.2018)