Seite:Knortz - Hexen, Teufel und Blocksbergspuk in Geschichte, Sage und Literatur.pdf/108

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Die Hexe fährt, besonders wenn sie sich vor der Abreise mit einer zauberkräftigen Salbe eingerieben hat, sicherer auf ihrem Besen als ein Wagehals der Neuzeit in einem Luftschiffe nach dem starren und halbstarren System, denn nie gerät die Maschine außer Ordnung; auch bedarf es keiner Kompanie Soldaten, um eine gefahrlose Landung zu bewerkstelligen. Daß eine solche Fahrt früher nur durch den Beistand des Teufels möglich war, glaubten natürlich die beschränkten Zuschauer und vernichteten daher mit der Hexe zugleich ihre erstaunliche Kunst. Der praktische Amerikaner William Penn, der doch sicherlich ein guter Christ war, dachte in dieser Hinsicht viel vernünftiger, denn als einst eine alte unter dem Namen „Witch of Ridley Creek“ bekannte Schwedin der Hexerei und des Besenritts angeklagt wurde, fragte er sie als Vorsitzender des Gerichtshofes einfach, ob es wirklich wahr sei, daß sie auf einen Besen durch die Luft gefahren, und fällte, nachdem sie dies ohne Ausflüchte bejahte, das Urteil, sie habe dazu vollkommen Recht, denn es bestehe kein Gesetz, das sie davon abhalte.[1]

Das Reiten auf einem Besenstiele ist eine Kunst, die nur die wirklichen Hexen verstehen; wer es ihnen, ohne sich vorher mit dem Teufel abgefunden zu haben, nachmacht, bricht gewöhnlich den Hals dabei, auch wenn er vor Beginn seiner Luftfahrt den richtigen Zauberspruch hersagt.

Wer aber das richtige Entzauberungswort beim magischen Gebrauche des Besens nicht versteht, dem kann es leicht ergehen, wie dem Goethe’sche Zauberlehrling, der die Geister, die er gerufen, nicht mehr los wurde und froh sein mußte, als ihn der noch rechtzeitig zurückkehrende Hexenmeister aus seiner verzweifelten Lage befreite.[2]


  1. Yearbook of the Pennsylvania Society of New-York, 1910.
  2. Die Quelle dieses Gedichtes, das Goethe eine Ballade nennt, ist in Lukians „Lügenfreund“ zu suchen, in dem von Pankrates erzählt wird, daß er auf seinen Reisen einem Besen oder hölzernen Türriegel Kleider anlegte, einige Zauberformeln murmelte und dann plötzlich einen Diener vor sich sah, der seine Befehle ausführte und darnach wieder entzaubert wurde. Ein Grieche, der nur die erste Formel erlauscht hatte, machte schlimme Erfahrungen. Von dieser Erzählung gibt es zahlreiche Varianten, von denen Reifferscheid im fünften Bande der „Zeitschrift für deutsche Philologie“ mehrere anführt. Die älteste deutsche Quelle dürfte in dem „Grottenlied“ der jüngeren Edda zu suchen sein.