Seite:Knortz - Hexen, Teufel und Blocksbergspuk in Geschichte, Sage und Literatur.pdf/50

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Odysseus ihren Sohn in der Unterwelt erst dann, nach dem sie Blut getrunken.[1]

Das Blut ist die Quintessenz des Lebens, deshalb verlangen die Toten nach dem Genusse desselben und deshalb wurden denselben auch von den Lebenden Trank und Speise geopfert, ursprünglich hauptsächlich Tiere, um sich am Blute derselben zu laben und dadurch die Freuden zu genießen, die sie in ihrem eigentlichen Leben entbehrten.[2]

Wer einem andern sein Blut trinken läßt, gibt ihm seine Seele; beide sind von nun an auf das innigste verbunden. Wer Gott sein Blut opfert, vereinigt sich mit ihm.

Die Nahuas von Zentralamerika hatten nach den Aufzeichnungen des mexikanischen Historikers Clavigero folgenden Gebrauch: Der Hohepriester öffnete mit einem Absidianmesser die Brust des unglücklichen Opfers, riß mit einer Sicherheit und Geschicklichkeit, die er in langer Übung erworben, das schlagende Herz heraus, opferte es zuerst der Sonne und warf es dann dem Götzenbild zu Füßen.

Die Mayas in Yukatan befolgten nach dem Spanier Gomara eine etwas umständlichere Methode: das zitternde, blutende Herz wurde gegen die Sonne gehalten und dann in ein Gefäß geworfen. Dann sog ein Hilfspriester durch ein hohles Rohr das Blut aus der Brustwunde und leerte es in einen mit Blumen geschmückten Topf. Derselbe wurde in den Tempel gestellt.

Man liest zuweilen von Männern, die ihr Herz demjenigen vermachten, den sie im Leben am liebsten hatten. Das Herz des englischen Dichters Shelley wurde von einem seiner Freunde aufbewahrt und später seiner Witwe übergeben. Der in Illinois verstorbene deutsche Revoluzzer Hecker bestimmte in seinem Testamente, daß sein Herz nach Mannheim geschickt werde, was seine Erben jedoch unterließen.

Daß das Volk im Blute das Leben erblickt, zeigt auch folgende mexikanische Erzählung. Als einst das


  1. Odyssee, 11. Gesang, Vers 153. Der dortige Bericht von der Hadesfahrt des Odysseus soll jedoch nach Erwin Rhodes gründlicher Untersuchung ein Einschiebsel späterer Zeit sein.
  2. Prof. Sartor. Die Speisung der Toten. Jahresbericht über das Schuljahr 1902–1903 des Gymnasiums zu Dortmund.