Seite:Letzte Stunden, Tod und Begräbniß des hochwürdigen Herrn Pfarrers Wilhelm Löhe.pdf/17

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

Zeit ist. Leben wir nicht auch in der Zeit des Abfalls der Massen, der Entchristlichung des Staates und des öffentlichen Lebens, und kann in einer solchen Zeit es Wunder nehmen, wenn sein Erfolg eben auch nur dem des Propheten Jesaias ähnlich war? Demungeachtet hielt er aus wie der Prophet Jesaia unter den Übelständen der Gegenwart in der Hoffnung besserer Zeiten. Deßwegen war er doch kein Sturmläufer gegen das Bestehende, nicht auf Zertrümmerung der geschichtlich gewordenen Kirchenbestände gieng er aus. Er hielt aus, wie er sich und anderen Langmuth des Ausharrens und des Aushaltens predigte. Aber wenn er nicht gekommen wäre, wo wäre unter uns eine Bereitung auf die Dinge, die da kommen sollen und sicher kommen werden und sich schon merklich ankündigen? Wie stünde es mit uns und wie stünde es im ganzen Lande, wenn er nicht in die Posaune gestoßen hätte, wenn er nicht gepredigt hätte: Den Gurt an die Lenden, die Stäbe in die Hände, die Schuhe an die Füße und innerlich sich losgelöst von den bestehenden Verhältnissen, damit man bereit sei, aus dem Hause, wenn es einstürzt, auszuziehen. Gott hat es gefügt, daß seine Gedanken, wenn nicht Anklang, so doch Raum fanden und sich entwickeln konnten, ohne die alten Schläuche zu zersprengen, und wir verehren darin eine göttliche Fügung. Aber nichts destoweniger sagen wir: Er ist auch in dem Stück ein Mann der Zukunft gewesen. Der Zukunft hat er entgegengelebt, und nach ihr sich gesehnt. „Wenn fünf Minuten vor meinem Tode“, hat er einmal mir gesagt, „ich höre, daß irgend wo eine bessere Kirche entsteht, als die lutherische, verschreibe ich mich sterbend noch der neuen Kirche, noch fünf Minuten vor meinem Tod.“ Eine prophetische Erscheinung, ein Mann der Zukunft war er – oder soll ich sagen: ein Mann der Vergangenheit? Es ist eines so wahr, wie das andere, es schließt eines das andere nicht aus. Es gieng eines mit dein andern zusammen bei ihm. Er hat nie eine pure Wiederherstellung des Alten gewollt, nicht auf Repristination der Vergangenheit stand sein Sinn. Die Wiederherstellung des Alten war bei ihm immerdar eine Wiedergeburt im Sinn und Geist und Bedürfniß der Neuzeit. Es verneuerte sich, was er angriff, und der verdorrte Mandelstab Aarons blühte wieder unter seinen Händen, so daß auch seine Erweckung der Gedanken der Vergangenheit im Grunde eine Anbahnung der Zukunft war. Er hat die ihm von Gott gegebnen Gedanken als Samenkörner in die Zukunft eingestreut, als Samenkörner, die die Zukunft reifen wird, und die das Schicksal aller großen Ideen haben werden, daß sie dann erst recht fruchtbar werden, wenn sie abgelöst sind von der Person ihres menschlichen Trägers, sintemal auch hier das Wort gilt, das der HErr mit Bezug auf sich selbst sagt: Es sei denn daß das Waizenkorn in die Erde falle, und ersterbe, so bleibt es allein; wo es aber erstirbt, so bringt es viele Früchte. Nicht mehr geht der Säemann unter uns, auszustreuen seinen Samen, seinen letzten Samenwurf