Seite:Letzte Stunden, Tod und Begräbniß des hochwürdigen Herrn Pfarrers Wilhelm Löhe.pdf/7

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sie bei dieser Gelegenheit zum letzten Male segnen durfte. Möge Gott ihm geben, daß von der ganzen vollen Zahl derer, die da an ihm vorübergiengen, ihm keines fehle an jenem großen Tage! Mittag setzte er sich noch fröhlich zu Tische und begab sich dann, wie er pflegte, auf ein Stündchen zur Ruhe in seinen Lehnstuhl.

 Kaum hatte er sich ein wenig in denselben zurückgelehnt, so hörte der treue Sohn, der im Nebenzimmer weilte, ein Geräusch. Er eilte zu seinem Vater, den er eben im mühsamen Versuche traf, sich von seinem Ruheort zu erheben. Das Weh des Todes hatte ihn bereits angefaßt. Er begehrte zu Bette gebracht zu werden – ein unerhörtes Verlangen bei ihm, den kaum in den Tagen der größten Schwachheit der Wille auch des kräftigsten Arztes auf dem Lager zurückzuhalten vermochte.

 Kaum war er zu Bette gebracht, als er mit beiden Händen nach dem Haupte griff und sie dann über das Angesicht gleiten ließ – des HErrn Hand hatte ihn angerührt, er lag in der Betäubung des Schlages besinnungs- und regungslos da. Im Betsaal, wo eben die Neujahrschristenlehre gehalten werden sollte, ereilte mich die Schreckensbotschaft. Die Thränen im Auge des Sohns, die tiefe Bekümmerniß der Tochter, die sich mühsam vom eignen Krankenlager aufgerafft hatte, der Ernst des Arztes, der Anblick des Kranken selbst, dessen Angesicht bereits von der Hand des Todes gezeichnet war, ließen keinen Zweifel, das wir das Bette eines Sterbenden umstanden. Kein Moment der Besinnung, kein lichter Augenblick kam mehr. Einfach, recht gering war darum auch der Menschendienst, der an diesem Sterbebette einzig möglich war. Wir konnten nichts thun als seufzen und schreien für die im Todeskampfe ringende Seele. Wie einfach, wie bescheiden, wie gar nicht glorios war der Todesgang dieses Knechtes Jesu, der vielleicht nirgends größer war, als wenn er an Sterbelagern stand. Wie haben wir ihn oft gesehen an Sterbebetten waltend in voller liturgischer Majestät, feurige Gebete opfernd und durch Trost und Zuspruch die Lampen der sterbenden Seelen schmückend zur Begegnung des ewigen Bräutigams. Wie manchem, der solchen Feierstunden an Sterbebetten anwohnen durfte, war es da, als sähe er im Geist den Himmel offen, wie schwand da die Furcht vor „dem bischen Tod“, wie heimatlich, wie mit Kräften der Heimat anziehend wurde da die Ewigkeit, wie wurden da auch die am Leben hangenden Seelen erfüllt von Sterbensmut und Sterbenslust! Nichts indessen von all der Herrlichkeit, mit der er Sterbebetten zu verklären wußte, war bei seinem Todesgang zu spüren. Unnahbar für Menschenwort, schon wie abgeschieden und abgestorben der Außenwelt, regungs- und empfindungslos lag er im Schlummer der Betäubung da. Aber wenn auch keine Herrlichkeit, so war doch tiefer Friede, feierlicher Sterbensfriede um ihn her. „Seinen Freunden gibt Er’s schlafend“ und „HErr nun lässest Du Deinen Diener im Frieden fahren – das war