Seite:Lewicky Die Ukraine 1915.pdf/25

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

auch diese Kommission abgeschafft, das „kleinrussische Gebiet“ in Gouvernements geteilt und dem russischen, einheitlichen Staatsorganismus ohne weiteres einverleibt. Wie es zweieinhalb Jahrhunderte später Finnland erging, so erging es auch dem ukrainischen Staate, welcher schrittweise aller seiner autonomen Rechte beraubt und in eine russische Provinz umgewandelt wurde. Die ukrainische Kosakenorganisation wurde ebenfalls aus der Welt geschafft. Die wählbaren Hetmane wurden anfänglich durch die nominierten ersetzt, bis auch diese Würde, die allmählich zum Schatten der einstigen herabsank, mit einem zarischen Ukas vom Jahre 1764 für immer abgeschafft wurde. Die letzte Burg der kosakischen Unabhängigkeit, die an den Stromschnellen des Dniprflusses organisierte „Saporoger-Sitsch“, die sich trotz aller Intrigen russischer Agenten nicht ergeben wollte, wurde durch Verrat im Jahre 1775 von den Russen genommen, die Festung geschleift und der Oberbefehlshaber Kalnyschewskyj in den Kasematten des Soloweckij-Manastir (Soloveck-Kloster) interniert, wo er in einer schrecklichen Einzelhaft volle 25 Jahre unter unsäglichen Qualen schmachten mußte. Schließlich wurde die ukrainische Kosakenorganisation ganz abgeschafft und die Reste des Kosakenheeres auseinandergejagt. Die Erinnerung an die einstige Unabhängigkeit der Ukraine sollte überhaupt, sogar in den letzten Nachkommen ukrainischer Hetmane, ausgerottet werden. Diese wurden entweder nach Sibirien verbannt oder dem Henker ausgeliefert …

An der Neige des 18. Jahrhunderts glich das ukrainische Land unter der „fürsorglichen“ Hand russischer Satrapen einer Ruine, und so wurde auch diese Zeitperiode des ukrainischen Niederganges vom ukrainischen Volk selbst bezeichnet!

Und doch, aus der Ruine blühte bald ein neues Leben, sobald nur der „Frühling der Völker“ auch nach dem Osten Europas hereinbrach.

Empfohlene Zitierweise:
Eugen Lewicky: Die Ukraine der Lebensnerv Rußlands (= Ernst Jäckh (Hg.): Der Deutsche Krieg, 33). Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart u. Berlin 1915, Seite 26. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Lewicky_Die_Ukraine_1915.pdf/25&oldid=- (Version vom 24.2.2022)