Seite:Loehr Buch der Maehrchen 2.pdf/138

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erwartete, wußte nichts von ihrer Einkerkerung, weil ihre Briefe an ihn aufgefangen waren.

Sie hatte die Zeit berechnet, wo ihr Vater mit seinem Heere da sein könnte, und stieg mit einer unsäglichen Mühe und mit vielem Ausruhen bis in das oberste Stockwerk des Thurms, wozu sie fast einen halben Tag brauchte. Sie sahe zum Fenster hinaus, nach des Vaters Armee, und ersahe nichts. Sie ruhte sich aus, und schauete alsdann im Zimmer umher. Sie sahe eine Stelle in der Mauer, die ihr erst frisch und schlecht zugeflickt zu sein schien. Sie untersuchte die Stelle und fand den Korkzieher. Sie fragte; „wozu soll der hier?“ – Sie entdeckte den Schrank und das Loch darin; sie öffnete den Schrank mit vieler Mühe; sie durchsuchte denselben, sie fand die im Blute schwimmende Hand, sie entsetzte sich so sehr, daß sie die Schale beinahe hätte fallen laßen. Aber eine feine Stimme rief ihr zu: „Muth! Muth! dein Glück hängt an diesem Abentheuer!“ Sie wußte nicht, woher die Stimme kam, aber sie vertraute derselben. „Was aber soll ich thun?“ sagte sie zweifelnd so vor sich hin. „Nimm die Hand! Nimm die Hand! wisperte die Stimme! – Unter dein Bettpfülben verbergen; – dem Adler geben, der ans Fenster kommt!“

Mit Grausen zog sie die Hand aus dem Blute, die aber im Augenblick wie eine Wachshand wurde. Sie umwickelte dieselbe mit einem Tuche, und steckte sie in ihren Rock.

Eben kamen ihre Aufwärterinnen, die sie überall im Thurme mit Angst gesucht hatten; nahmen sie mit Freuden und trugen sie die Stufen herab. In den nächsten zwei Tagen ereignete sich nichts; aber in der dritten Nacht schlug beim Schein des Vollmondes ein großer Adler in der Mitternacht ans Fenster. Die Prinzeßin öffnete es ihm und reichte ihm die Hand dar, die er in seine Klauen nahm