Seite:Loehr Buch der Maehrchen 2.pdf/145

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Als er an das Schloß kam, war nirgends ein Eingang. Es schien ein einziger ungeheurer Thurm, der auf einem hohen und steilen Stahlfelsen stand, auf welchen hinauf zu kommen ohne Flügel unmöglich schien.

Lulu setzte sich unter einen Baum, in einem schattigen Orangenhain und blies auf seiner Flöte, und die Flöte gab Töne, wie er sie noch niemals gehört hatte und die sein Innerstes bewegten tief und wundersam. Blies er sanft, so war es, als spräche lispelnd der Abendwind mit den Blättern der Baumgipfel, oder als seufzten die Nachtigallen unter den Bäumen, oder als sänge eine Mutter dem Kinde ein leises Wiegenlied. Hauchte er stärker, so hallten gewaltige Chöre von den Bergen mit rauschenden Winden und brausenden Fluten, und der Donner rollte in lauten Schlägen darunter.

Lulu erkannte nun die geheimen Kräfte der Flöte und sahe, wie mannichfaltige Anwendung sie zuließ. Er blies ein trauerndes Klaglied und es war, als ob ihm die Bäume und Wälder, und die Hügel und Thäler und Rehe und Hirsche und alles Geflügel zuhörten. Aber im Schloße wollte sich Niemand regen. Da stieß er ein paarmal heftig in seine Flöte und das Wild floh erschrocken in den Wald, und das Schloß schien zu erbeben.

Der Zauberer war dadurch im Schlafe erschreckt, sahe zum Fenster hinaus und rief hinab: „Was dudelst du hier unter meinem Fenster, du Dudeldei, und störst meinen Schlaf? Such dir einen andern Platz, oder ich will dir einen anweisen!“

Lulu that nicht, als ob er ihn höre; sondern spielte ein lustiges, liebliches Stück, trillernd und hüpfend, als sollt es zum Tanz gehen. Der Zauberer spitzte die Ohren und öffnete den Mund, als wollte er die Töne verschlingen: „Der alte Eisbart, versteht seine