Seite:Loehr Buch der Maehrchen 2.pdf/419

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ging umher Obst zu suchen, welches Hunger und Durst zugleich stillte, und fand deßen bald genug.

Als Beide sich mit dem Obste erfrischt hatten, wollte der Indier mit der Prinzeßin weiter ziehen, sie aber weigerte sich, sich wieder aufs Pferd zu setzen. Seine liebkosenden Worte waren vergebens, seine Drohungen waren es auch. Da wollte er sie mit Gewalt hinaufheben, aber sie widersetzte sich mit der Kraft der Verzweifelung, sie stieß den Indier, sie kratzte ihn mit den Nägeln, sie schlug ihn mit geballter Faust ins Gesicht; das würde ihr jedoch wenig geholfen haben, denn gegen die Stärke des Indiers hätten sich ihre Kräfte bald genug erschöpfen müßen. Aber ihr entsetzliches Gekreisch half.

Mitten im heftigsten Faustkampfe kam eine Schaar Reiter daher, die Beide umringten. Sie bestand aus dem Sultan von Kaschmir und deßen Gefolge, mit welchem er von der Jagd zurückkehrte.

„Wer bist du? fragte der Sultan den Indier, und was hast du mit dieser Dame vor?“ – „Herr, sagte der freche Mensch, wer hat sich darein zu mischen, wenn ich mein ungehorsames Weib züchtigen will?“

Da erhub die Prinzeßin ihre flehende Stimme und sagte: „Herr, glaubt diesem trotzigen Räuber nicht, der mich auf diesem verwünschten Zauberpferde dem Prinzen von Persien geraubt hat. Ich bin eine Prinzeßin von Bengalen.“

Der Sultan war ein Herr von tiefer Einsicht und von schneller Gerechtigkeit und von unerschütterlichem Muthe. Er las in der erhabenen Miene der Dame, in ihrer Schönheit und in ihren thränenvollen Augen die Wahrheit ihrer Aussage und mit einem einzigen Streich seines guten Säbels flog der Kopf des unbewehrten Indiers ab.