Seite:Loens Der zweckmaessige Meyer.pdf/103

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auch insofern höchst bedeutungsvoller Vogel, als er schon, ehe andere Leute daran dachten, durch eine schwarz weiß rote Tracht ausdrücklich für den deutschen Reichsgedanken Propaganda machte. Er hat ein riesiges Anschlußbedürfnis und da er bei den weiblichen Exemplaren seiner Art über Winter in dieser Hinsicht auf ablehnende Haltung stößt, ohne Gesellschaft aber nicht leben kann, so gestattet er es den Meisen, Kleibern, Baumläufern und Goldhähnchen hinter ihm herzuzotteln und sich zu benehmen, als sei er ihr Manager von der Reisefirma Cook, der ihnen einen Reiseplan über die sehenswertesten Bäume und bemerkenswertesten Büsche zusammengestellt hat und nun in aller Eile das vertragsmäßige Pensum abhaspelt, ohne sich auf Sonderwünsche einzulassen. Kaum macht es sich eins von ihnen irgendwo bequem und bewundert die schöne Aussicht auf besonders fette Frostspanner und dergleichen, schon treibt der Specht mit hartem Rufe zum Aufbruche, und mit einem wehmütigen Blicke muß die niedliche Pimpelmeise den schönen Frostspanner halbaufgegessen stehen lassen.

Mit diesen Frostspannern ist das auch ein eigen Ding. Ende Oktober, wenn jeder Schmetterling, der etwas auf sich hält, sich entweder zur Winterruhe verkriecht oder sich der Einfachheit halber gänzlich aus dem Dasein drückt, dann kriecht, unglaublich aber wahr, der Frostspanner, dieser unverfrorene Geselle, aus der Puppe und tut so, als wäre dann Frühling, das heißt, er flattert nach dem alten und bewährten Liebesleutesprüchlein: „Im Dunkeln ist gut munkeln,“ in der Dämmerung auf die Brautschau aus. Und nun kommt das Ulkigste. Die Frostspannerin ist ungeflügelt; sie kann nicht fliegen, sondern nur kriechen. Irgend welche Emanzipationsbestrebungen gehen ihr völlig ab. So ein bißchen Liebe und recht viel Eierlegerei, das füllt ihr Dasein zur Genüge aus; das Fliegen überläßt sie den Herren Männern, die davon auch so lange Gebrauch machen, bis der Frühling kommt. Wenn dann dieser sein Extrablatt, den Zitronenfalter, zu versenden

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Hermann Löns: Der zweckmäßige Meyer. Sponholtz, Hannover 1911, Seite 97. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Loens_Der_zweckmaessige_Meyer.pdf/103&oldid=- (Version vom 1.8.2018)