Seite:Loens Der zweckmaessige Meyer.pdf/104

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beginnt, wenn der Fink sieht, ob er es noch kann, das Singen nämlich, und die Waldblumen das Talent zum Blühen nicht länger halten können, verläßt der Frostspanner mit Prost Rest das Lokal und stirbt in der ausdrücklichsten Weise.

Warum macht er es nicht so wie diese kleine salatgrüne Heuschrecke da? Den ganzen Sommer hat sie sich oben in den Kronen der Buchen auf das angenehmste vergnügt. Jetzt aber befindet sie sich ganz unten an den Stämmen der Bäume, feiert da mit irgend einem ebenso grünen Männerchen Hochzeit, ritzt dann mit dem Schleppsäbel, den sie stets bei sich trägt, die Rinde, legt in der Ritze die vorschriftsmäßige Anzahl von Eiern ab und stirbt dann in dem zufriedenen Bewußtsein, daß im nächsten Sommer genug ihrer Art da sein werden, um den Blattläusen das Leben sauer zu machen. Sie könnte sich ja den Weg bis dicht über den Waldboden sparen, könnte ihre Eier auch oben in den Ästen ablegen; aber ihr paßt es besser so, oder vielmehr, es ist einmal so Mode, und die gute Sitte ist bei den Tieren noch viel wirksamer, als bei den Menschen, wenn sie sich auch noch so viel auf Zylinder, Frack und Lackschuhe einbilden.

Wenn nun besagte Heuschrecke das Zeitliche rechtzeitig segnet, ehe es zu ungemütlich in der Natur wird, so denkt die Wintermücke anders, nämlich, denkt sie: „Was der Frostspanner kann, kann ich auch.“ Somit liegt sie solange als Puppe im faulen Laube, bis sämtliche anderen Mücken dankend auf das Dasein verzichtet haben, und dann erst tritt sie in Erscheinung und führt, sobald die Sonne nur ein einigermaßen freundliches Gesicht macht, Hochzeitstänze auf, als habe sie keine Ahnung, welchen Monat der Kalender angäbe. Aber das hat sie wohl; sie singt zwar nicht: „Der Mond ist unsere Sonne“, wie Schillers Räuber, sondern protzt mit Abhärtung, treibt Wintersport und behauptet, jetzt sei erst die richtige Zeit, um sich zu amüsieren; nachts werde es ja oft etwas frisch, aber am Tage sei es um so schöner. Das verletzt

Empfohlene Zitierweise:
Hermann Löns: Der zweckmäßige Meyer. Sponholtz, Hannover 1911, Seite 98. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Loens_Der_zweckmaessige_Meyer.pdf/104&oldid=- (Version vom 1.8.2018)