Seite:Loens Der zweckmaessige Meyer.pdf/45

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im Schnabel nach der Baumwurzel schnurrt, unter der eben die Zaunkönigin, ebenfalls mit einem Moosfäserchen im Schnabel, verschwand. Und dann bleibt er stehen und sieht nach einem Faulbaumbusche, aus dem ein ganz seltsames, dünnes, zärtliches Gepiepse kommt. Da sitzt eine kleine, graue, schwarzmützige Meisenmadam und rechts und links von ihr sitzt ein ebenso angezogener Mosjöh und jeder rückt ihr ab und zu näher und piepst ihr die schönsten Schmeicheleien zu und die Madam dreht sich links und dreht sich rechts und weiß nicht, was sie machen soll. Der da rechts ist so nett und der da links ist so niedlich, und die Geschichte ist deswegen gar nicht so einfach, und wenn sich die beiden vertragen, nimmt sie sie am liebsten alle zwei beide auf einmal.

Auf einmal haben sich die beiden Herren Männer bei den Kappen und wirbeln erst in der Luft herum und dann in das Laub herab, und die Madam sieht der Angelegenheit aufmerksam zu, und wie der eine ziemlich geschunden von dannen flattert, da findet sie, daß ihre Liebe zu dem anderen doch größer sei und sie fliegt mit ihm zu dem Nistkasten, der an der Birke hängt, und während sie sich die Wohnung ansieht, sitzt er auf dem Dach und erläßt an die nähere und fernere Bekanntschaft eine gereimte Einladung zur Hochzeitsfeier.

Der alte brave Herr schüttelt den Kopf. „Ja, ja, Jugend hat keine Tugend, aber dafür hat das Alter die Moral,“ meint der junge Mann und pfeift leise vor sich hin: „Alle Vögel sind schon da, alle Vögel alle“, und sieht nach dem Turmfalkenpärchen, das gellend jauchzend über den Kronen Verloben spielt, nach dem grauen Käfer, der mit keck emporgereckten Fühlern über den Weg schnurrt, nach der blauen Fliege, die auf dem Sonnenfleck an der Buche in breiter Behaglichkeit dasitzt, und wie er die graue Krähe auf der Eiche sieht, da zielt er mit seinem Rohrstock auf sie, und ängstlich quarrend fliegt der Winterrabe fort und sagt es den Genossen an, daß es Zeit sei, an die Fahrt nach Ostland zu denken.

Empfohlene Zitierweise:
Hermann Löns: Der zweckmäßige Meyer. Sponholtz, Hannover 1911, Seite 39. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Loens_Der_zweckmaessige_Meyer.pdf/45&oldid=- (Version vom 1.8.2018)