Seite:Loens Der zweckmaessige Meyer.pdf/61

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Man sah sich nun vor, „denn Hirsche sind unter Umständen gefährlich,“ meinte der Vater und trug fortan seinen Stock so, wie ein Massai den Speer. Und das war auch gut, denn als man so dahinschlich, furchtsam nach allen Seiten spähend, quiekte Hete plötzlich schrecklich auf, schlotterte und schnatterte, mit dem Zeigefinger auf den Weg deutend: „Schon wieder ’ne Schlange!“ Es war eine Blindschleiche, die sich sonnte. Nun war guter Rat teuer. Rechts und links war dichtes Unterholz, in dem wer weiß welche Ungeheuer wohnten, und zurück wollte man nicht gehen. Da sprang Hans als Ritter Georg vor. Mit einem Schlage seines Stockes zerschmetterte er dem Tiere den Rücken, und er hielt erst ein, bis nur noch Fetzen davon übrig waren. Aber das zuckende Schwänzchen übte noch einen so dämonischen Einfluß auf die Gemüter aus, daß der Vater jedem einen Kognak spendieren mußte, was ihm die Stimmung ersichtlich verdarb.

Kaum war man eine Viertelstunde weiter gegangen, so schreckte im Gebüsch wieder ein Reh. Nun schlotterten alle Mitglieder der Familie Müller, und als dazu noch ein Häher in dem Gebüsch über das Gequieke der Mädchen sich lustig machte und zudem eine prachtvolle, schwarz und gelb gefärbte Hummel um Mama Müllers Blumenhut herumsummte, sträubte sich bei allen das Haar, und jeder versah sich schleunigst mit einer Gänsehaut.

„Nein,“ seufzte Frau Müller und atmete beschwerlich, „Vater, das sage ich dir aber: keine zehn Pferde kriegen mich wieder in diese lebensgefährliche Gegend!“ Vorwurfsvoll sah sie ihren Gatten an. „Hu!“ schrie sie dann wieder auf, denn hinten im Walde ließ der Schwarzspecht seine silberne Glocke erklingen und darauf sein klirrendes Gelächter erschallen. „Was ist denn das wieder für ein Ungetüm?“ jammerte die gute Frau, „Kinder und Leute, ich will Gott danken, wenn wir hier erst gesund heraus sind! Aber das sage ich Euch: einmal und nicht wieder! Ich habe von heute

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Hermann Löns: Der zweckmäßige Meyer. Sponholtz, Hannover 1911, Seite 55. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Loens_Der_zweckmaessige_Meyer.pdf/61&oldid=3345611 (Version vom 1.8.2018)