Seite:Loens Der zweckmaessige Meyer.pdf/62

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

mehr als genug, und es soll mich nicht wundern, wenn es nicht noch schlimmer kommt. Am Ende gibt es hier noch Wölfe!“

Sie erholte sich erst, als sie in der Wirtschaft vier Tassen Kaffee und zwei Meter Butterkuchen vertilgt hatte; die fünfte Tasse wurde ihr aber etwas vergällt, denn gerade als sie Milch dazu tun wollte, plumpste ein Hirschkäfer hinein. „O Gott, ein Krebs, wie scheußlich!“ schrie sie und sah entrüstet den Wirt an, als der ihr sagte, es sei nur ein Hirschkäfer. „O fein!“ rief Hans und packte den Käfer, schrie aber wie besessen auf, schlenkerte den Käfer von sich und steckte den Zeigefinger in den Mund, denn der Schröter hatte ihn ziemlich derbe gekniffen. Frau Müller bekam Magendrücken vor Schreck. „Wenn das bloß keine Blutvergiftung gibt,“ stöhnte sie und warf dem Wirt einen furchtbaren Blick zu, stellte ihre Augen aber sofort wieder auf Todesangst und bleiche Furcht ein, denn der Hirschkäfer erhob seine Schwingen und schnurrte mit Getöse dicht an ihrer Nase vorbei. „Das ist ja schrecklich hier,“ meinte sie und saß fortan da, als erwarte sie jeden Augenblick einen Löwen oder eine Riesenschlange.

Allmählich bekam sie aber ihre gute Laune wieder; denn zwei junge Herren, die ihr als heiratsfähig bekannt waren, hatten sich an den Tisch herangeschlängelt und widmeten sich ihr und den Töchtern in verheißungsvollster Weise. Auf einmal schrie Hete schrill auf: „Eine Maus, eine Maus!“ und sprang mit so hoch gerafften Röcken auf die Bank, daß die beiden Jünglinge ganz verklärte Augen machten, weil Grete, teils der Maus, teils der Heiratskandidaten wegen, auch ein paar tadellose und wohlgefüllte Strümpfe in Augenschein brachte. Aber als die Mutter ihnen nachfolgte, zeigte es sich, daß, wenn zwei oder in diesem Falle drei, dasselbe tun, es nicht dasselbe ist, denn die zärtliche Rührung in den Augen der beiden Anbeter wich erst starrem Erstaunen und dann heimlicher Heiterkeit, die nicht ohne eine Beimischung von

Empfohlene Zitierweise:
Hermann Löns: Der zweckmäßige Meyer. Sponholtz, Hannover 1911, Seite 56. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Loens_Der_zweckmaessige_Meyer.pdf/62&oldid=3345612 (Version vom 1.8.2018)