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WÄSCHE
(25. september 1898)


Neulich geriet ich mit einem bekannten in streit. Was ich über kunstgewerbliche fragen schrieb, wollte er gelten lassen. Aber die mode- und bekleidungsaufsätze gingen ihm gegen den strich. Er warf mir vor, daß ich die ganze welt uniformieren wolle. „Was soll denn dann aus unseren herrlichen nationaltrachten werden!“

Hier wurde er poetisch. Er gedachte seiner kindheit, gedachte der herrlichen sonntage in Linz, gedachte des landvolkes, das festlich geschmückt sich zum kirchgang versammelt hatte. Wie prächtig, wie schön, wie malerisch! Wie ist das nun alles anders geworden! Nur die alten leute hielten an der alten tracht fest. Die jungen aber äfften schon den stadtleuten nach. Man möge lieber das volk für die alte tracht wieder zu gewinnen suchen. Das wäre die aufgabe eines kulturliteraten.

„Also diese alte tracht hat ihnen gefallen?“ warf ich ein. – „Gewiß.“ – „Und sie wünschen daher, daß diese tracht für ewige zeit erhalten bleibe?“ – „Das ist mein sehnlichster wunsch!“

Nun hatte ich ihn, wo ich ihn haben wollte. „Wissen sie,“ sprach ich zu ihm, „daß sie ein ganz gemeiner, egoistischer mensch sind? Wissen sie, daß sie einen ganzen stand, einen großen herrlichen stand, unseren bauernstand, ausschließen wollen von allen segnungen der kultur? Und warum? Damit ihr auge, sobald sie sich aufs land begeben, malerisch gekitzelt werde! Warum laufen sie denn nicht so herum? Ah, sie möchten sich schönstens bedanken. Aber sie verlangen von anderen menschen, daß sie ihnen zuliebe in der landschaft staffage

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Adolf Loos: Adolf Loos – Sämtliche Schriften. Herold, Wien, München 1962, Seite 113. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Loos_S%C3%A4mtliche_Schriften.pdf/112&oldid=- (Version vom 1.8.2018)