Seite:Loos Sämtliche Schriften.pdf/113

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spielen, um ihr trunkenes literatenauge nicht zu beleidigen. Ja, stellen sie sich doch einmal hin und machen sie einmal den wurstl für den herrn kommerzienrat, der unverfälschte alpen genießen will. Der bauer hat eine höhere mission zu erfüllen, als die berge für die sommerfrischler stilvoll zu bevölkern. Der bauer – der spruch ist schon bald hundert jahre alt – ist kein spielzeug!“

Auch ich gebe zu, daß mir die alten trachten sehr gut gefallen. Das gibt mir aber noch kein recht, von meinem nebenmenschen zu verlangen, sie meinetwegen anzulegen. Die tracht, die in einer bestimmten form erstarrte kleidung, die sich nicht mehr weiter entwickelt, ist immer das zeichen, daß ihr träger es aufgegeben hat, seinen zustand zu verändern. Die tracht ist das symbol der resignation. Sie sagt: Mein träger muß es aufgeben, sich im kampfe um das dasein eine bessere stellung erobern zu wollen, er muß es aufgeben, sich weiter zu entwickeln. Als der bauer noch frisch und fröhlich kämpfte, als er von den grünsten hoffnungen erfüllt war, da wäre es ihm nicht im traume eingefallen, denselben rock anzuziehen, den sein großvater getragen hatte. Das mittelalter, die bauernkriege, die renaissance kennen kein starres festhalten an den kleidungsformen. Der unterschied zwischen der kleidung des städters und der des bauern wurde nur durch die verschiedene lebensführung bedingt. Städter und bauer verhielten sich damals zu einander wie heute städter und farmer.

Da verlor der bauer seine selbständigkeit. Er wurde zum leibeigenen. Leibeigener mußte er bleiben, er und seine kindeskinder. Wozu sollte er sich da anstrengen, sich durch sein kleid über seine umgebung zu erheben,

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Adolf Loos: Adolf Loos – Sämtliche Schriften. Herold, Wien, München 1962, Seite 114. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Loos_S%C3%A4mtliche_Schriften.pdf/113&oldid=- (Version vom 1.8.2018)