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DIE POTEMKINSCHE STADT
(juli 1898)


Wer kennt sie nicht, die potemkinschen dörfer, die der schlaue günstling Katharinas in der Ukraine erbaut hatte? Dörfer aus leinwand und pappe, dörfer, die die aufgabe hatten, eine einöde für die augen ihrer kaiserlichen majestät in eine blühende landschaft zu verwandeln. Aber eine ganze stadt soll der schlaue minister gar fertig gebracht haben?

Das ist wohl nur in Rußland möglich!

Die potemkinsche stadt, von der ich hier sprechen will, ist unser liebes Wien selbst. Eine schwere anklage, deren beweis mir wohl auch schwer gelingen wird. Denn ich brauche dazu hörer mit einem so verfeinerten rechtsgefühl, wie sie in unserer stadt leider noch spärlich zu finden sind.

Wer sich für etwas höheres ausgibt, als er ist, ist ein hochstapler und verfällt auch dann der allgemeinen verachtung, wenn niemand durch ihn geschädigt wurde. Wenn aber jemand diesen effekt durch falsche steine und andere imitationen zu erreichen sucht? Es gibt länder, wo einem solchen menschen das gleiche schicksal zuteil würde. In Wien ist man aber noch nicht so weit. Nur ein kleiner kreis hat das gefühl, daß dabei eine unmoralische handlung, ein schwindel geschieht. Nicht nur durch die unechte uhrkette aber, nicht nur durch die wohnungseinrichtung, die sich aus lauter imitationen zusammensetzt, sondern auch durch die wohnung selbst, durch das wohngebäude will sich heute jeder für etwas höheres ausgeben, als er ist.

Wenn ich den ring entlang schlendere, so erscheint es

Empfohlene Zitierweise:
Adolf Loos: Adolf Loos – Sämtliche Schriften. Herold, Wien, München 1962, Seite 153. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Loos_S%C3%A4mtliche_Schriften.pdf/152&oldid=- (Version vom 1.8.2018)