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DAS MYSTERIUM DER AKUSTIK
(1912)


Man hat mich gefragt, ob der Bösendorfersaal erhalten werden solle. Der frager ging wohl von der voraussetzung aus, daß es eine sache der pietät wäre, einen saal, der in der musikgeschichte Wiens eine so große rolle gespielt hat, nicht zu demolieren.

Aber diese frage ist nicht eine sache der pietät, sondern eine frage der akustik. Diese frage will ich nun beantworten. Es war gut, daß ich gefragt wurde, sonst hätte ich die antwort mit ins grab genommen.

Seit jahrhunderten beschäftigen sich die architekten mit der frage der akustik. Sie wollten sie auf konstruktivem wege lösen. Sie zeichneten gerade linien vom tongeber nach der decke und meinten, daß der schall wie eine billardkugel im selben winkel von der bande abspringe und seinen neuen weg nehme. Aber alle diese konstruktionen sind unsinn.

Denn die akustik eines saales ist nicht eine frage der raumlösung, sondern eine frage des materials. Einen akustisch schlechten saal kann man durch weiche stoffe, durch vorhänge und wandbespannungen verbessern. Ja, ein mitten durch den saal gespannter zwirnsfaden kann die akustik eines raumes völlig verändern und verbessern. Das aber sind surrogate. Denn diese weichen stoffe saugen den ton auf und nehmen ihm seine fülle. Da wußten die griechen besser bescheid. Unter den sitzen ihrer theater hatten sie in gleichen abständen kammern angebracht, in denen sich jeweils ein riesiges metallenes becken befand, das mit trommelfell bespannt war. Sie versuchten, den ton zu verstärken, nicht, ihn zu schwächen.

Empfohlene Zitierweise:
Adolf Loos: Adolf Loos – Sämtliche Schriften. Herold, Wien, München 1962, Seite 319. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Loos_S%C3%A4mtliche_Schriften.pdf/321&oldid=- (Version vom 1.8.2018)