Seite:Loos Sämtliche Schriften.pdf/363

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Erst wenn sich die not einstellt, erst wenn man gezwungen ist, mit wenig hauszuhalten, erst dann wird man einen berater brauchen. Sie sind allerdings der meinung, daß es gegenwärtig nicht darauf ankommt, was, sondern daß wir überhaupt etwas anzuziehen haben. Da decken sich unsere anschauungen vollständig. Aber um das zu erreichen, ist höchste sparsamkeit notwendig. Vor mir liegt ein bild aus dem „interessanten blatt“: die sozialdemokratischen führer im begräbniszug der vierzehn todesopfer. Und merkwürdig, welch ein zufall, alle tragen dunkle kleidung. Haben sie einer verabredung gemäß gehandelt? Nein, alle haben, obgleich wir gegenwärtig wichtigere sorgen haben, rein gefühlsmäßig dunkle kleidung gewählt. Ja, ich bin der meinung, daß ein jeder von ihnen der feierlichen handlung eher ferngeblieben, als daß er in einem gelbkarrierten anzug, falls er keinen anderen mehr gehabt hätte, erschienen wäre. Und dabei will ich zugeben, daß die meisten jener abgeordneten, vielleicht alle, ihre meinung teilen werden.

Wir sind arm geworden. Aber deshalb sollen wir nicht lächerlich werden. Daher müssen wir beginnen – die sparsamkeit gebietet es –, über unsere kleidung nachzudenken. Vielleicht wird es dazu kommen, daß wir mit unsrer letzten hose und unsrem letzten rocke herumlaufen müssen. Vorzeitige überlegungen können es aber so einrichten, daß nicht zufälligerweise eine kniefreie lederhose und ein schwarzer ballfrack diese beiden letzten kleidungsstücke sind. Denn sonst würden wir lächerlich. Sie, der überragende geist, werden allerdings leugnen, daß ein mensch in diesem anzug komisch wirkt. (Ich möchte es nicht auf die probe ankommen lassen. Ich lade sie ein, mich in einem solchen anzug, aber ohne überzieher

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Adolf Loos: Adolf Loos – Sämtliche Schriften. Herold, Wien, München 1962, Seite 361. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Loos_S%C3%A4mtliche_Schriften.pdf/363&oldid=- (Version vom 1.8.2018)