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DER TAG DER SIEDLER
(1921)

Der Vater sah das freie, unbebaute land. Er, der sich den ganzen tag in der fabrik müdegearbeitet hatte, nahm die schaufel in die hand und begann die erde umzugraben. Ackerland entstand, der schrebergarten, neues und selbstgeschaffenes vaterland, diesmal das wirkliche: die selbstbebaute scholle des siedlers. Ergebnis einer revolution, die der arbeiter gegen den kasernenzwang der fabriken unternommen hat. Ergebnis einer unblutigen menschheitsbewegung und daher mit einem menschlichen resultat.

Man glaube nicht, daß die schrebergärtnerei eine augenblickliche psychose ist. Für alle kommenden zeiten wird das stück land, das sich der mensch selbst bebaut, das bleiben, was es heute ist: die zuflucht zur mutter natur, sein wahres glück und seine einzige seligkeit.

Die ernährung eines volkes wird bestimmt durch die nahrungsmittel, die das bebaute land liefert. Jedes Volk hat daher seine eigene ernährungsart, seine eigene küche.

Man sprach sehr viel von der österreichischen küche. Aber erst heute werden wir gewahr, daß diese küche nur dadurch möglich wurde, daß ein staatengebilde, das man die österreichisch-ungarische monarchie nannte, durch jahrhunderte bestand.

Mähren, Polen und Ungarn lieferten das mehl, Südungarn und Böhmen pflaumen, Böhmen und Mähren zucker. Die natur hatte die nichtdeutschen länder in verschwenderischer weise ausgestattet. Weite ebenen, schwarze ackererde, brennende sonne. Alles, was uns einst ernährte, haben wir heute verloren. Und da heißt

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Adolf Loos: Adolf Loos – Sämtliche Schriften. Herold, Wien, München 1962, Seite 379. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Loos_S%C3%A4mtliche_Schriften.pdf/381&oldid=- (Version vom 1.8.2018)