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ORNAMENT UND ERZIEHUNG
(1924)
Antwort auf eine rundfrage
Sehr geehrter herr professor!

Ihre anfrage erreicht mich gerade zur rechten zeit.

Es gibt wahrheiten, die man verschweigen muß. Samen auf steinigen boden zu werfen, ist verschwendung. Seit siebenundzwanzig jahren zögere ich daher, das auszusprechen, was mir durch ihre enquete zu sagen nun möglich wird.

Die reform unseres zeichenunterrichtes begleite ich seit ihren anfängen mit innerer wut. Aber die menschheit scheint wieder zur Besinnung gekommen zu sein: der klassizismus in Frankreich. Jetzt ist es also zeit, zu reden.

Erziehen heißt, dem menschen aus seinem urzustande helfen. Das, wozu die entwicklung der menschheit jahrtausende gebraucht hat, hat jedes kind nachzuholen.

Nicht nur die eltern und tanten, wir alle wissen, daß jedes kind ein genie ist. Aber die genialität des papuanegers, also des sechsjährigen kindes, ist heute für die menschheit nutzlos. Was erzielt man mit dem modernen zeichenunterricht? Ein freches geschlecht, das sich vor das kunstwerk stellt und mit einem gewissen recht behauptet, solche sachen habe es in der schule auch gemacht. Mit einem gewissen recht, sage ich, und deute damit das tiefe problem kind und genius an. Wieviele eltern haben sich verleiten lassen, nach den resultaten dieser modernen methode an die künstlerische berufung ihrer kinder zu glauben!

Und die alte methode, die den sauberen zeichner erzog, der als künftiger kartograph oder visitkartenlithograph

Empfohlene Zitierweise:
Adolf Loos: Adolf Loos – Sämtliche Schriften. Herold, Wien, München 1962, Seite 391. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Loos_S%C3%A4mtliche_Schriften.pdf/393&oldid=- (Version vom 1.8.2018)