Seite:Loos Sämtliche Schriften.pdf/435

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nicht angekündigt. Der autor des neuen buches bringt trotz der reichhaltigkeit und trefflichkeit der bildtafeln keine wiedergabe eines schrankes. Wird denn der schrank einfach verschwiegen? Nein, er wurde nicht mehr erzeugt, er war nicht mehr modern. Zur zeit der Roentgenwerkstätte wurden die kleider nicht mehr in mächtigen schränken aufbewahrt, sondern in kleinen gelassen, welche bei den engländern closets, das heißt verschluß, genannt wurden. (Daher kommt closet, wasserverschluß, was aber etwas ganz anderes ist.) Bei den franzosen hieß das penderie, was bei den deutschen wandschrank heißt. Engländer und franzosen hielten an dieser neuerung fest, die deutschen haben wieder die kleideraufbewahrung aus dem siebzehnten jahrhundert übernommen und dekorieren ihre räume mit kleiderschränken, und zwar selbst dann, wenn sie bloß einsiedegläser darinnen haben. Es liegt am architekten, den kleiderschrank abzuschaffen. Das moderne bestreben in der architektur in allen ehren, aber was nützt es uns, wenn wir noch gebrauchsgegenstände aus der zeit der lichtputzscheren benützen? Im gegenteil! Wir sind doch um mehr als hundert jahre weiter! Aus der liste Roentgens müßte man heute schon einiges streichen. Heute werden von den tischlern überhaupt nur möbel erzeugt, also nur mobiles zum kaufe angeboten. Alles übrige gehört zum haus, daher in das arbeitsgebiet des architekten. Der nachfolger in einer wohnung übernimmt alles von seinem vorgänger durch kauf oder miete. Mit decken, fußböden, wänden und schrankmöbeln (eingebauten möbeln) im stil unserer zeit ist heute jeder zufrieden. Natürlich darf aber der architekt dem tischler nicht ins handwerk pfuschen. Die möbel, die vom tischler herrühren, sind modern, die vom heutigen architekten

Empfohlene Zitierweise:
Adolf Loos: Adolf Loos – Sämtliche Schriften. Herold, Wien, München 1962, Seite 433. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Loos_S%C3%A4mtliche_Schriften.pdf/435&oldid=- (Version vom 1.8.2018)