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JOSEF VEILLICH
(1929)


Der alte Veillich ist gestorben. Gestern wurde er begraben.

Wer mich kennt, weiß, wen ich meine. Wer mein kunde war, hat ihn gekannt. Sein tod wird eine große änderung in der menschlichen wohnung zur folge haben. Um das zu erklären, muß ich weit ausholen.

Man weiß, daß das ganze kunstgetue im wohnungswesen – in allen landen – keinen hund vom warmen ofen lockt, daß der ganze betrieb durch bünde, schulen, professuren, zeitschriften, ausstellungen etc. keine neue anregung gegeben hat, daß die ganze entwicklung im modernen handwerk, soweit sie nicht durch erfindung beeinflußt wurde, auf zwei augen ruht. Und das sind die meinen. Das heißt, man weiß es nicht. Und ich warte nicht auf meine nekrologe. Ich sage es gleich selber.

Ich bin mir bewußt, welche empörung diese zeilen, wenn sie zu meinen lebzeiten in druck gelangen sollten, zur folge haben werden. Aber, lieber leser, kannst du dich erinnern, welche möbel und welche wohnungseinrichtungen dir in den letzten jahren zugemutet wurden? Ist nicht alles, was nur zehn jahre alt geworden ist, ästhetisch vollkommen unmöglich (du nennst es „unmodern“) geworden wie ein damenhut? „Schaun sie sich den dreck nicht an, den hab ich vor drei jahren gemacht“ sagte der moderne architekt und wurde wegen dieses ausspruches als der große mann gefeiert, der alle drei jahre sich selbst zu überwinden weiß. Kein handwerker wäre solcher worte fähig. Mit einer derartigen lebensauffassung aber stempelt man sich zum künstler.

Empfohlene Zitierweise:
Adolf Loos: Adolf Loos – Sämtliche Schriften. Herold, Wien, München 1962, Seite 436. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Loos_S%C3%A4mtliche_Schriften.pdf/438&oldid=- (Version vom 1.8.2018)