Seite:Loos Sämtliche Schriften.pdf/55

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ist; denn die etruskischen und griechischen frauen trugen ihre hydrien auf ihren häuptern, aufrecht, wenn voll, horizontal, wenn leer. Wer den versuch macht, einen stock auf seiner fingerspitze zu balanzieren, wird dieses kunststück leichter finden, wenn er das schwerste ende des stockes zu oberst nimmt: dieses experiment erklärt die grundform der hellenischen hydria (der rumpf gleicht nämlich einer herzförmigen rübe), die ihre vervollständigung erhält durch zwei horizontale henkel, im niveau des schwerpunktes, zum heben des vollen, und einen dritten, vertikalen, zum tragen und aufhängen des leeren gefäßes, vielleicht auch als handhabe für eine zweite person, welche der wasserträgerin beisteht, das volle gefäß auf den kopf zu heben.“

So Semper. Idealen menschen hat er damit sicherlich einen stich ins herz gegeben. Wie, diese herrlichen griechischen vasen mit ihren vollendeten formen, formen, die nur allein geschaffen scheinen, von dem schönheitsdrange des hellenischen volkes zu erzählen, sie verdanken diese formen der baren nützlichkeit? Der fuß, der rumpf, die henkel, die größe der mündung wurden nur vom gebrauche diktiert? Ja, dann sind ja diese vasen am ende gar praktisch! Und wir haben sie immer für schön gehalten! Wie einem das nur passieren konnte! Denn, so wurde uns stets gelehrt: das praktische schließt die schönheit aus.

In meinem letzten artikel habe ich das gegenteil zu behaupten gewagt, und da mir so viele zuschriften zugekommen sind, die mir bewiesen, daß ich im unrecht bin, muß ich mich schon hinter die alten hellenen verschanzen. Ich will ja nicht in abrede stellen, daß unsere kunstgewerbetreibenden auf einer höhe stehen, die jeden vergleich mit einem anderen volke oder einer anderen zeit vollständig

Empfohlene Zitierweise:
Adolf Loos: Adolf Loos – Sämtliche Schriften. Herold, Wien, München 1962, Seite 56. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Loos_S%C3%A4mtliche_Schriften.pdf/55&oldid=- (Version vom 1.8.2018)