Seite:Loos Sämtliche Schriften.pdf/58

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Hier ist man allerdings noch nicht so weit. Aber der englische geist ist auch schon in unsere handwerker gefahren und rebelliert gegen die vorherrschaft der architektur. Mit geheimer freude hörte ich neulich, wie sich ein kollege bei mir darüber beschwerte, daß ihm ein töpfer rund heraus erklärt habe, nach seiner zeichnung nicht arbeiten zu wollen. Nicht einmal den versuch wollte er machen. Er wollte sich eben nicht mehr „retten“ lassen. „Recht hat der mann“, erklärte ich dem architekten. Der hat mich wohl für einen narren gehalten.

Es ist die höchste zeit, daß sich unser handwerk auf sich selbst besinnt und jede unberufene führung von sich abzuschütteln sucht. Wer mitarbeiten will, sei willkommen. Wer vor der surrenden töpferscheibe in der arbeitsschürze, vor dem glühenden schmelzofen mit entblößtem oberkörper mitschaffen will, sei gepriesen. Jene dilettanten aber, die vom bequemen atelier aus dem künstler (kunst kommt von können), dem schaffenden, vorschreiben, vorzeichnen wollen, was er schaffen soll, mögen sich auf ihr gebiet beschränken, das der graphischen kunst.

Aus England kam die emanzipation des handwerkers, und daher zeigen die neuen gegenstände alle englische formen. Aus England kam der neue glasschliff (cut glass), den wir steindlschliff oder walzenschliff nennen. Linien von prismatischem querschnitt bilden ein geometrisches ornament über das ganze glas. Das geradlinige ornament erhält den ersten, das rundlinige den zweiten namen. Diese technik hat bei uns eine solche höhe erreicht, daß wir schon mit Amerika konkurrieren können (einem lande also, wo sie in höchster blüte steht), was uns bei der geschicklichkeit unserer glasschleifer nicht wundernehmen darf. Viele sachen sind bei uns sogar feiner, vornehmer,

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Adolf Loos: Adolf Loos – Sämtliche Schriften. Herold, Wien, München 1962, Seite 59. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Loos_S%C3%A4mtliche_Schriften.pdf/58&oldid=- (Version vom 1.8.2018)