Seite:Loos Sämtliche Schriften.pdf/94

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

besten leder, der besten arbeit. Wie gern möchte er einen tag länger bei den schuhen verweilen. Wie ungern zwingt er seine gehilfen, schneller zu arbeiten, wohl wissend, daß dadurch manche schlamperei ungerügt bleiben muß. Aber das leben ist unerbittlich. Er muß, muß und muß die schuhe um diesen preis fertigstellen, und daher entschließt er sich schweren herzens, den guten, aber langsamen gehilfen zu entlassen und beim rohmaterial zu sparen. Schon beim zwirn muß angefangen werden. Ihr aber, denen es ein besonderes vergnügen macht, euren schuster wieder um einen gulden gedrückt zu haben, ihr, die ihr doch diesen gulden mit leichtigkeit für einen besseren fauteuil im theater ausgebt, sobald eure gewohnten sitze vergriffen sind, ihr seid die ärgsten feinde unseres gewerbestandes! Das handeln und feilschen und drücken wirkt demoralisierend auf produzent und konsument.

Und trotzdem so gute schuhe. Unsere schuhmacher sind eben tüchtige menschen. Es steckt viel geist und individualität in ihnen. Es ist kein zufall, daß der größte dichter, den uns das handwerk geschenkt hat, und sein größter philosoph schuster waren. Und wieviel Hans Sachse und Jakob Böhmes saßen und sitzen noch auf dem schusterschemel, die ähnlich gefühlt und gedacht, aber nie geschrieben haben. Vielleicht hat das deutsche volk deswegen so gute schuster, weil jedem tüchtigen, individuellen, daher nach der meinung der eltern schlechten buben warnend zugerufen wird: „Wenn du nicht folgst, kommst du zu einem schuster in die lehr“. Und manchmal wirds wahr gemacht.

Weniger lobenswert sind unsere schuhträger. Im letzten aufsatze wurde erwähnt, daß sich der schuster an die fußform der herrschenden gesellschaftsklasse halten

Empfohlene Zitierweise:
Adolf Loos: Adolf Loos – Sämtliche Schriften. Herold, Wien, München 1962, Seite 95. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Loos_S%C3%A4mtliche_Schriften.pdf/94&oldid=3346108 (Version vom 1.8.2018)