Seite:MüllerKriegsbriefe.pdf/168

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Die Gräber sind mit frischen grünen Kränzen geschmückt. Eine überaus stimmungsvolle Stätte ist dieser Friedhof im entlegenen Waldtale. Mir kommen die Verse in den Sinn, die Fr. Forster vor Jahrzehnten in einem Gedicht zu einer Gedächtnisfeier des Aufrufs der Freiwilligen vom 3. Februar 1813 verfaßt hat:

Ein Kirchhof liegt gebreitet, Keine Mauer faßt ihn ein, Keine Hügel sind bereitet Mit hohem Leichenstein. Der Pflüger pflügt darüber Und fragt nicht nach dem Grab. Der Wandrer zieht vorüber, Schaut nicht auf euch hinab.

Nahe am Soldatenfriedhof steht ein stattliches Haus, in dem Soldaten einquartiert sind. Davor ein Brunnen, dem ein breiter Wasserstrahl entquillt. Ein breitschulteriger Soldat, nackt bis auf die Hüften, die Hosen weit über die Knie aufgestülpt, stürzt heraus über den gefrorenen Boden und nimmt sein Weihnachtsbad. Dort der Tod, hier das gesundheitstrotzende Leben.

Wir schreiten den Berg hinan. Im Walde, dicht am Rande liegen noch vier Gräber. Das eine davon ganz frisch. Vorgestern haben sie hier einen braven Pionier zur Ruhe bestattet. Eine französische Granate hatte ihn in einem Unterstand erschlagen. Von den sechs Mann, die darin lagen, wurden drei mehr oder weniger schwer durch Granatsplitter verwundet, zwei verschüttet,

Empfohlene Zitierweise:
Karl Müller: Kriegsbriefe eines neutralen Offiziers. Velhagen & Klasing, Bielefeld ; Leipzig 1915, Seite 164. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:M%C3%BCllerKriegsbriefe.pdf/168&oldid=3353146 (Version vom 1.8.2018)