Seite:MüllerKriegsbriefe.pdf/25

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Unter den gemeinen Soldaten befinden sich manche Leute von hohem Bildungsgrad, Ingenieure, Architekten, Werkführer, Monteure usw. Mein mitteilsamer Nachbar zur Rechten ist ein Bursche von untersetzter, kräftiger Gestalt, wasserblauen Augen, rötlich-blondem Haar und Schnurrbart. Er trägt auf seinen breiten Schultern einen echten Alemannenschädel; er könnte ein Emmentaler oder Konolfinger sein, gibt sich aber als Sohn des Schwarzwaldes zu erkennen. Er stammt aus einer Bauernfamilie des Säckingeramtes. Da er mehrere Brüder und Schwestern hat und der Hof des Vaters nicht alle ernährt, hat er das Bauhandwerk erlernt und ist auf seinen Wanderfahrten auch in die Schweiz gekommen. In Worb bei Bern hat er längere Zeit in einem bekannten Geschäft gearbeitet. Dann ist er fortgezogen und hat zu seiner weiteren Ausbildung die technische Mittelschule zu Karlsruhe besucht und da die Staatsprüfung bestanden. Er erzählt, wie schwer diese Prüfung ist, wie er hat ochsen und schwitzen müssen. Jetzt stand er bis zum Kriegsausbruch als Bauführer in guter Stellung in einem angesehenen Privatgeschäft. Ein Leben voll Fleiß und Arbeit und pflichteifrigem Streben. Eine höchst einfache, alltägliche Geschichte. Ein Schulbeispiel für Tausende. Es gibt die Erklärung für den wunderbaren wirtschaftlichen Aufschwung und Wohlstand des deutschen Volkes, um den es nun einen Lebenskampf kämpft.

Empfohlene Zitierweise:
Karl Müller: Kriegsbriefe eines neutralen Offiziers. Velhagen & Klasing, Bielefeld ; Leipzig 1915, Seite 21. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:M%C3%BCllerKriegsbriefe.pdf/25&oldid=- (Version vom 1.8.2018)