| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zehnter Band | |
|
|
in der sächsischen Schweiz.
Gedenke ich des einst genossenen Rundblicks von des Liliensteins Felsenscheitel, und schaue dies Detailbildchen an, auf dem die Kunst sich abmüht, das Engros-Gemälde ganzer Landschaften in einen Rahmen, handbreit, zu bringen, so ist es mir, als versündige sich die Kunst an der großen Erhabenheit der Natur eben so sehr, wie der Narr, welcher auf einen Berg steigt, um mit einem Fernrohr eine Baum- oder Thurmspitze zu betrachten, welche er in der Nähe ohne Mühe und mit waffenlosem Auge deutlicher sehen kann. Wenn ich die Höhen der Erde besteige, so will ich die Pracht der Schöpfung bewundern und dem Herrn huldigen, der die Berge kleidet und die Thäler mit Blumen stickt; schwelgen soll mein Auge in der weiten Natur, nicht sich einkerkern in die dunkle Röhre, die mir durch die vergrößernde Glaslinse einen Pfennig des aufgethanen Schatzes näher rückt. Der Künstler, der aus einem Berg-Rundgemälde ein Segment herausschneidet und mit dem Storchschnabel seiner Phantasie auf ein Stückchen Papier fixiren muß, ist sehr zu bedauern. Er martert sich ab, das Große klein zu machen, und seine Mühe bringt ihm so wenig Dank, als Freude.
Weg mit dem Bildchen! – Ich erzähle von meiner Bergfahrt.
Dreißig Jahre sind’s her, als ich, das Ränzchen auf dem Rücken, im Dresdner Elbthale wanderte. Damals kamen noch nicht allsommerlich Reisende zu Tausenden hin, und das Wetter des Kriegs, das in jener Gegend heraufzog, hatte im Sommer 1813 die sächsische Schweiz von Besuchern fast verödet. Nur einzelne Wandergenossen traf ich, meist junges Blut ohne Furcht, wie ich selber.
Wir waren Mittag zu Dritt von Pirna weggegangen, mit dem Vorsatze, den Lilienstein zu besteigen und dort den Sonnenuntergang abzuwarten, der an dem Abende prächtig zu werden versprach: denn nur leichte, schmale Nebelstreifen spielten im Himmelsblau und der Westen war wolkenlos. Am Fuße des ungeheuern Felskegels rieselt aus überhängendem Gestein eine Quelle. Da rasteten wir und stärkten die müden Glieder, und
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam, Philadelphia 1843, Seite 110. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_10._Band_1843.djvu/120&oldid=- (Version vom 9.2.2025)