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Seite:Meyers Universum 10. Band 1843.djvu/145

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mit steinernem Schlingwerk dekorirten Fenster auslaufen, aus welchen das farbige, gebrochene Dämmerlicht magischen Schein auf Schnitzwerke, Grabmonumente, Statuen und Heiligengruppen wirft, welche alle Räume an den Wänden anfüllen und überdecken. Kanzeln starren aus der Höhe auf uns nieder. Eine Menge leerer Stühle stehen, oder liegen umgestürzt umher: – wir fragen, was das sey? und lächelnd zeigt man auf einen Mann, der einen Haufen Zwei-Sousstücke von der Balustrade eines Altars streicht, – die Aerndte, welche der Stuhlherr von der letzten Versammlung der Andächtigen eben gehalten hat. Denn in Paris ist ein Sitz in der Kirche eben so käuflich, als ein Sitz in der komischen Oper: der Kauf gilt da wie dort für die Dauer einer Vorstellung. Auch hier wird nichts umsonst gegeben, nicht das Leben, nicht der Tod, nicht die Freude, nicht der Kummer, nicht die Darstellung von dem Mimiker auf der weltlichen, noch vom Priester auf der geistlichen Bühne: Alles muß mit Sous und Franken bezahlt werden. – Diesem glücklichen Pariser Volke, – gleichviel, ob es auf dem Kothurn oder unter der Schellenkappe, mit rothen Absätzen oder in rother Mütze, im Parlament oder im Tanzsaale, im Gerichtssaal oder auf dem Markte, im Kaffeehause oder im Beichtstuhle stehe, – ist alles Komödie; es schwimmt auf der Oberfläche leicht dahin, allen Grund und alles Gründliche hassend und es zugleich verachtend. Und doch faßt dieses Volk die Zügel der Weltgeschichte und lenkt sie, sobald es mag, nach seinem Wohlgefallen. –

Während wir Notre-Dame’s Glasmalereien bewundern im Feuerglanze des westlichen Himmels, ist der Vollmond von Ost heraufgestiegen und sein bleiches Licht fällt auf die, von wunderlichen Figuren belebten, Säulenknäufe und die rankenden Rippen der Gewölbe. Das buntscheckige Licht der Fenster erblaßt nun, die zitternden, vielfarbigen Reflexe auf den Gegenständen fangen an zu verschwinden. Die Mondhelle bleicht Alles, selbst der nankingfarbige Anstrich des Tempels ist in ein glänzendes Weiß verwandelt. Stumm und feierlich, wird Alles ringsum. Da regt sich’s in der Ferne; wir lauschen: – dort unten ist’s am Hochaltar. Lichter wandeln, Kerzen werden sichtbar, erst zwei, dann vier, sechs, zwanzig – eine lange Schaar. Man hält Umgang. Vor dem Hochaltar bleiben die Lichter stehen und einigen sich zum Kreise. Der Kerzenglanz hat nun den Mondschein verdrängt; nur in den fernsten Theilen und in den Seitenschiffen siegt noch der falbe Schimmer über das Feuerlicht, und graues Dunkel hüllt die Portale des Hintergrundes in ihren Schleier. Vor uns aber strahlt Alles im stattlichen Hellglanze des großen Meßdienstes, – Priester und Ministranten ordnen sich auf den Stufen des Altars; Glöckchen und Rauchfaß setzen sich in Bewegung; Andächtige, sitzend, stehend, oder knieend, gruppiern sich. Wir selbst treten der Scene näher; doch da schwindet das Bild der Andacht und nur die Darstellung bleibt übrig. Seitwärts steht eine Gruppe junger Leute, kosend und kichernd; dort schaukelt sich Einer auf seinem Sessel so