| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Elfter Band | |
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ist, und namentlich sucht der quieszirte Beamte, der Rentier, der Kaufmann, welcher, reich geworden, den Rest seiner Tage in stillem Genusse verleben will, in Skutari ein Asyl.
Auch das Klima in Skutari steht in dem Rufe größerer Gesundheit, und der Glaube, das hier das Leben länger dauere als jenseits der Meerenge, ist unter den Türken allgemein. In der That scheint ein reinerer, heiterer Hauch hier zu wehen, ein milderer Sonnenstrahl zu wärmen. Am Bosporus verhalten sich die Jahreszeiten zu einander wie Freunde, die sich bei’m Abschiede die Hand reichen. Fast keine Scheidewand trennt Winter und Frühling, Lenz und Sommer, dessen Beginn schon in den Mai fällt; denn dann blüht die asiatische Blumenpracht in ihrem vollsten Zauber, und Gärten, Felder und Auen, Berge und Gründe haben sich in ihr reizendstes Gewand gekleidet. Die heißesten Monate, Junius, Julius und August, sind hier selten lästig; denn gerade in diesen Monaten herrschen die Nordwinde, und der frische Hauch des Balkans gelangt, von den Gewässern des Marmormeers und der Meerenge noch mehr gekühlt, erquicklich nach Skutari und bricht die Gluth der Sonne. Nur im August kommen zuweilen Südwinde und bringen Tage, wo man erinnert wird, daß man in keinem Paradiese lebt. Eine afrikanische Schwüle erschlafft dann alle Wesen, und mit schwarzen Fittigen rauscht die tödtende Pest über das herrliche Land, bis der September kommt mit seinen fruchtbaren Gewittern, welche die glühende Atmosphäre wieder kühlen und von ihren Miasmen reinigen. Des Septembers zweite Hälfte schüttelt der Früchte Füllhorn über die Erde aus; am Weinstock prangt die schwellende Traube und das üppige Fleisch der Früchte schimmert aus der dunkeln Laube. Alles ärndtet; Alles schwelgt in dem fast ohne Mühe und Arbeit gewonnenen Ueberfluß, den hier auch der Aermste theilt. Mit dem Oktober kommen wieder lauwarme Lüfte, und während bei uns, im rauhen Nord, im Kampfe der feindlichen Elemente von Naß und Kalt, die Bäume ihr Laubgewand abschütteln und der Umlauf ihres Lebenssaftes aufhört, scheint hier die ganze Natur einen zweiten Lenz feiern zu wollen. Ihre Kräfte spannen sich, sie kleidet noch einmal die Auen in das frischeste Grün. Unstreitig ist der Oktober am Bosporus die angenehmste Jahreszeit. Ein goldner Duft hat sich über Meer und Hain gebreitet; es ist die Glorie, mit der sich die Natur noch einmal umgibt, ehe sie zum Winterschlafe erstarren soll – nein, nicht erstarren – sondern ausruhen. Denn der Dezember ist nicht derselbe, der in unserm Deutschland die Thürme der Münster mit Stürmen umbraust, Bäche und Flüsse mit todtem Eise belegt und die hohe Tanne bricht unter der Wucht ihrer Schneelast: – sein Charakter ist hier noch anmuthig. Dichtbelaubt glänzen noch die gewaltigen Eichen, grünen noch die Wiesen, und nur die zarteren Laubhölzer malen die Wälder mit bunten Farben, gelben und rothen, wie bei uns im September. – Mit dem Januar aber guckt blau und golden der Krokus freundliches Angesicht aus dem Grase, Veilchen blühen an den Rainen und die Regengüsse des Februars waschen den Schnee von den höchsten Gebirgen. Der Lenz beginnt und bekränzt das junge Jahr mit tausend Blumen.
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Elfter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam, Philadelphia 1844, Seite 111. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_11._Band_1844.djvu/119&oldid=- (Version vom 25.1.2026)