| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Elfter Band | |
|
|
Kein Ort in der türkischen Welt ist reicher an Moscheen und an Anstalten für milde und fromme Zwecke, als Skutari. Jene sind größtentheils die Stiftungen von Sultanen und ihren Gemahlinnen, und viele zeichnen sich aus durch Größe und schöne Bauart. Mir war es zunächst um den Besuch der von Selim III. erbauten Moschee zu thun, welche allgemein für das Schönste gehalten wird, was der türkische Kirchenstyl in neuerer Zeit erzeugt hat.
Mein Bootsmann brachte mich zu einem Iman, welcher sich, nachdem er von meiner Absicht unterrichtet war, höflich anbot, uns in das Heiligthum zu begleiten. Unser Weg führte über den Vorhof des Tempels. Einzelne Türken kauerten auf ihren Teppichen, ihren Tschibuk schmauchend; andere standen in Gruppen umher, als harrten sie der Stimme des Muezzims, der an gewissen Stunden des Tags von den Minarets die Gläubigen zum Gebete ruft. So wie man in den Tempel selbst eintritt, fällt der Blick auf eine Menge von Säulen von weißem Marmor, welche eine Riesenkuppel tragen, die durch Fenster erleuchtet wird und die sie oben wie ein Kreuz umgeben. Die Bogen sind in hellen Farben bunt angestrichen und auf weißgelassenen Wandstellen stehen Sprüche aus dem Koran. Wir waren noch mit der Betrachtung des Tempels beschäftigt, als die Stimme des Muezzim erschallte, und die Schaar der Gläubigen eintrat, um dem Gottesdienst beizuwohnen, der eben begann. Wir zogen uns auf den Wink unsers Führers in eine ferne Ecke zurück, um die Andacht nicht zu stören. Vor dem Altar erschien ein Iman mit zwei Sängern, welche in klagenden, langgehaltenen Molltönen ein Lied anstimmten. War eins beendet, dann rief der Iman: Allah il Allah! bei welchem Rufe die um den Altar im Kreise stehenden Moslemin sich mit dem Gesichte auf die Erde warfen. Ein Moment der Todtenstille folgte und ein dumpfes Gebetmurmeln rollte dann durch das weite Gotteshaus. Abermals folgte ein Augenblick der Stille – dann richteten sich die Betenden wieder auf und – dieselbe Ceremonie begann von Neuem. Die ganze Andacht währte etwa eine halbe Stunde. Endlich zog sich der Priester mit seinen Sängern zurück und wir folgten der Menge, die still und anständig den Tempel verließ. – Im Vorhofe fanden wir eine Menge Arme und Leidende, und fast Keiner ging vorüber, ohne eine Gabe der Barmherzigkeit zu spenden. Ein Paar Vogelhändler mit ihren Käfigen hatten auf die Barmherzigkeit der Moslemin eine kleine Spekulation gegründet; sie hielten dicht am Eingang der Moschee Markt, und mancher unter den Kirchgängern kaufte einen gefiederten, kleinen Gefangenen los und gab ihm auf der Stelle die Freiheit. Eine der Hauptvorschriften des Korans verlangt Liebe, nicht blos gegen Menschen, sondern auch gegen Thiere, und wie hoch sie der Muselmann achtet, sieht man bei tausend Vorkommnissen des täglichen Lebens.
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Elfter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam, Philadelphia 1844, Seite 112. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_11._Band_1844.djvu/120&oldid=- (Version vom 26.1.2026)