| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Elfter Band | |
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Ferne dem Wanderer freundlich zuwinken. Die Umgebung des Oertchens ist das Bild der Einfachheit und des Friedens. Bäume sieht man nicht; ringsum aber sind die schönsten Bergwiesen, geschützt von den Mauern und Wällen, die des Schöpfers Hand erbaut hat. Auch die Menschen sind keine unharmonische Staffage in dieser Landschaft; sie scheinen zufrieden. Obschon abgesondert durch ihre Lage von der übrigen Welt, führt ihnen die Straße doch Leute aus allen Weltgegenden zu, und Keiner kömmt und Keiner geht, der nicht zu der nie versiegenden Quelle des Erwerbs, welcher für die Hospitalbewohner die Straße ist, seinen Tropfen spendete. Meistens Hirten, sind sie nebenbei Führer, Säumer, Lastträger oder Wirthe. Es ist ein gesunder, robuster Schlag mit dem wohlthuenden Blick freier Menschen. Hospital ist das letzte schweizerische Dorf. Es liegt schon so hoch, daß kein Getreide, kein Holz, kein Gemüse fortkommt. Alle diese Lebensbedürfnisse aber bringt der tägliche Verkehr aus den tiefer gelegenen Landstrichen reichlich und zu billigen Preisen herauf.
Von Hospital bis zum Hospiz sind es drei Stunden. Mühsam windet sich die Straße mit vielen Krümmungen hinan. Eine kleine, sterile Ebene bildet den Nacken des seitwärts noch 3000 Fuß höher ansteigenden Gotthardts. Das Plateau, von Felsen eingeschlossen, ist ein ödes, trauriges Plätzchen. Zehn Monate herrscht hier der Winter, das ganze Jahr der Sturm.
Auf dieser Höhe, 6750 Fuß über der Meeresfläche, umgeben von Felsen und den mit ewigem Schnee und furchtbaren Gletschermassen bedeckten Berggipfeln, lag sonst das von dem menschenfreundlichen Borromäer 1648 erbaute Kloster der Kapuziner. Die frommen Väter empfingen die Reisenden gastlich und unentgeldlich, und suchten bei schlechtem Wetter mit ihren Hunden, deren letzte Abkömmlinge noch im Hospiz des großen Bernhard zu sehen sind, die Verirrten oder durch Lawinen Verunglückten auf, welchen nächtlich, von Viertelstunde zu Viertelstunde, durch eine Glocke Zeichen gegeben wurde. Der Krieg, welcher in der Revolutionszeit hier gewüthet, hat auch diese menschenfreundliche Anstalt zerstört, und von ihrem Daseyn zeugen jetzt nur einige von Brand geschwärzte Mauern. Die Sommermonate über unterhält ein Gastwirth aus Airolo eine schlechte Wirthschaft hier oben, und ein Paar Spediteurs haben eine Waarenniederlage und einen Stall zur Bequemlichkeit der Fuhrleute und Maulthiertreiber erbaut, welche Lust haben, ihre Ladungen zu wechseln.
Mit dem ersten Schritte vom Nacken des Gotthardts abwärts ändert sich die Szene. Der warme Hauch Italiens weht von Airolo herauf und belebt das todte Gestein. Es bedeckt sich zuerst mit Moos und Farren, dann mit dichtem, kurzem Grase, dann mit der Flora der Alpen, und weiter hinab erscheinen das Rhododendron und andere blühende Kinder der südlichen Gebirge auf den Felsblöcken, welche des Tessins (Tizino’s)
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Elfter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam, Philadelphia 1844, Seite 37. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_11._Band_1844.djvu/45&oldid=- (Version vom 14.1.2026)